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Ulrike Mohr beschäftigt sich mit der Kunst des Köhlerns –Schaffensphase im Wildbad kommt zum Ende

Rothenburg (ak). Seit letztem Jahr findet im Rothenburger Wildbad das „art residency“ Projekt statt: Ausgewählte Künstler kreiren während einer mehrmonatigen Schaffensphase ein Kunstwerk, welches am Ende an die Tagungsstätte übergeben wird. Am kommenden Freitag, 23. November übergibt Ulrike Mohr ihre Arbeit nun offiziell an die Öffentlichkeit. Zentrales Thema für die Berlinerin ist die künstlerische Auseinandersetzung mit Transformationsprozessen. Dazu zählt auch das Köhlern, womit sie sich seit etlichen Jahren hauptsächlich beschäftigt. Das Projekt im Wildbad gliedert sich im Grunde in drei Arbeiten: einen Kubus, den „Wechselraum“ und die Entsammlung.

Die Berliner Künstlerin Ulrike Mohr und eine ihrer „Raumzeichnungen“. Foto: Ulrike Mohr / VG BildKunst

Ursprünglich in Tuttlingen geboren, lebt Ulrike Mohr heute in Berlin. Ihr Leben widmet sie der Bildenden Kunst, so studierte sie Freie Kunst und Bildhauerei an der Weißensee Kunsthochschule Berlin sowie an der Trondheim Academy of Fine Art (Norwegen). Regelmäßig nimmt Ulrike Mohr an internationalen Einzel- und Gruppenausstellungen teil. Mit ihren beeindruckenden Arbeiten im öffentlichen Raum lenkt sie stets die Aufmerksamkeit auf sich. Ihr Erfolg wird nicht zuletzt durch den Erhalt zahlreicher Stipendien und Auszeichnungen (auch international) bestätigt. Zu ihren ersten öffentlichen Kunstprojekten zählen ihre Diplomarbeit, in deren Rahmen sie auf einem ehemaligen Appellplatz 750 wildgewachsene Kiefern in eine militärische Anordnung verpflanzte. Auch spannend ist eine Aktion in Weimar. Dort vernähte sie alle Blätter eines Baumes miteinander, sodass im Herbst das gesamte „Blätterkleid“ mit Hilfe eines Kranes emporgehoben werden konnte. Eine weitere Arbeit beispielsweise bestand darin, dass sie wildgewachsene „postsozialistische“ Birken, die auf dem Dach des ehemaligen Palasts der Republik in Berlin wuchsen, umsiedelte. Seit 2008 beschäftigt sich die Künstlerin zunehmend auch mit Arbeiten im „Innenraum“, dabei habe sie auch den Prozess des Köhlerns für sich entdeckt. Ausschlaggebend hierfür sei ihr erstes Werk im geschlossenen Raum gewesen: Aus über hundert kleinen Stückchen handelsüblicher Zeichenkohle setzte sie einen 17 Meter langen Ast zusammen, welcher vor der Wand schwebend, installiert wurde. Seitdem setzt sich die Künstlerin mit Köhlerarbeiten auseinander. Ihre Intention ist die „Sichtbarmachung von Beziehungen zwischen Ästhetik und Wissenschaft – Gegenwart und Vergangenheit.“

Extrem stabil und doch zerbrechlich

Beim „offenen Atelier“ rauchte es im Wildbad. Interessierte konnten der Künstlerin beim Arbeiten zusehen.

Köhlern ist ein Prozess, bei welchem Holz unter Abschluss von Sauerstoff erhitzt wird. Die Konsequenz ist eine Transformation/Umformung von Holz zu nahezu reinem Kohlenstoff. Die Faszination besteht für sie unter anderem darin, dass ein neues Objekt entsteht, welches keinerlei natürlichem Verfall mehr unterliegt, es entstehe „ein Zustand für die Ewigkeit.“ Gleichzeitig bleiben alle Details des Ausgangsobjektes zu 100 Prozent erhalten, lediglich die Größe ändert sich. „Das interessante an Kohle ist deren extrem stabiler Endzustand. Sie ist komplett aus dem organischen Kreislauf herausgenommen und wird durch Tiere, Schimmelpilze oder Bakterien nicht mehr zersetzt. Gleichzeitig ist sie dennoch sehr zerbrechlich“, erklärt die Künstlerin. Außerdem reize sie an solch einer Arbeit der „transformatorische Aspekt“: Etwas geht von einem Zustand in einen anderen über, wobei stets der Zufall eine gewisse Rolle spielt. So sei das letztendliche Ergebnis nie vorhersehbar. Ja nach Größe des zu köhlernden Objektes variiert die Dauer, es kann Stunden aber auch Wochen dauern, bis etwas vollständig zu Kohle umgewandelt ist. Hierbei obliegt es ihren Fähigkeiten und der Erfahrung, anhand der Farbe und Menge des Rauches zu erkennen, ob der Vorgang abgeschlossen ist.

Geköhlerter Schneeball. Foto: Ulrike Mohr / VG BildKunst

„Der Kubus“

Im Rahmen ihrer künstlerischen Schaffensphase im Wildbad entstehen im Wesentlichen drei Kunstwerke, wobei nur eines davon permanenter Bestandteil des Parks sein wird: Ein etwa 120 Zentimeter hoher Kubus aus Beton, worin sich ein geköhlerter Baumstamm befindet. Die Besonderheit besteht darin, dass der Betonwürfel gleichzeitig als Ofen dient aber auch dauerhafter Bestandteil des Kunstwerks ist. Erst beim genauen Hinsehen, kann man erkennen, dass das Betongebilde auch ein Innenleben besitzt.

Der Baumstamm, welcher für das im Wildbad entstehende Kunstwerk geköhlert wird. Foto: Ulrike Mohr / VG BildKunst

Der Würfel sei außerdem eine Anspielung auf die sogenannte „Minimal-Art“, lässt Ulrike Mohr wissen. Der verwendete Baum wurde von ihr selbst ausgewählt und stammt aus dem Wildbad-Park. Hierbei habe sie einige Bäume zur Auswahl gehabt, die ohnehin hätten gefällt werden müssen. Ihre Entscheidung fiel dabei auf den Baum, welcher von den meisten Efeu-Ranken umwachsen war. Diese dienen als Ausgangsmaterial für ihre zweite Arbeit: den „Wechselraum.“

Hier entsteht der Beton-Kubus: Dieser fungiert als Köhlerofen, ist aber gleichzeitig auch Teil des Kunstwerks.

„Der Wechselraum“

Im Raum schwebende geköhlerte Äste – von Ulrike Mohr als „Raumzeichnung“ definiert.

Der Begriff Wechselraum stammt aus dem Sport, besser gesagt dem Staffellauf. Er bezeichnet die Zone, in welcher der Stab übergeben wird, die Läufer aber noch einige Zeit parallel zueinander laufen. In Anlehnung daran, hat die Künstlerin den Begriff als Bezeichnung für eine 24-stündige Performance gewählt. Diese beginnt am Freitag, 23. November um 18 Uhr und dauert bis Samstag, 18 Uhr. Der „Wechselraum“ ist eine kuratorische Form, welche ebenfalls an den Prozess des Köhlerns anknüpft. Dies sei insofern der Fall, da das Köhlern eine chemische Kettenreaktion ist, der Prozess andauert und dabei nicht unterbrochen werden kann. „Diesen Prozess habe ich als performatives Format in die kuratorische Praxis überführt“, so Mohr. Im Rahmen des „Wechselraums“ beginnt sie mit einer „ortsspezifischen Raumzeichnung“, daraufhin greifen die von ihr eingeladenen Künstlerinnen im zweistündigen Wechsel für insgesamt 24 Stunden in das bestehende Kunstwerk ein. Hierbei gibt es keinerlei Vorgaben, vielmehr sei es ein „offener Prozess.“ Als Raumzeichnung definiert Ulrike Mohr im Raum hängende, geköhlerte Objekte. Obgleich geköhlerte Äste eines der ältesten Zeichenmaterialien sind, benutzt sie solche nicht zum „verzeichnen“ auf Papier, sondern lässt sie im Raum schweben. Im Wildbad kommen die geköhlerten Efeu Ranken des gefällten Baumes zum Einsatz.

Die Künstlerin geht davon aus, dass auch die Geschichte des Hauses bei diesem 24-stündigen Ereignis eine wichtige Rolle spielen wird. Schließlich war das Gebäude, wo der Wechselraum stattfindet ehemals ein Schwimmbad. Später zur Sporthalle umfunktioniert, wurde das Becken abgedeckt. Nichtsdestotrotz ist es durch eine Luke im Boden einsehbar. Dieser Aspekt der „Doppelbödigkeit und Vielschichtigkeit“ werde mit Sicherheit in das künstlerische Schaffen miteinfließen, schätzt die Berlinerin.

Die Performance ist für die Öffentlichkeit gedacht und man hofft auf zahlreiche Zuschauer – bei Tag und bei Nacht.

Ein alter Hobel zu Kohlenstoff transformiert.

„Die Entsammlung“

Geköhlerte Säge.

Den dritten Teil ihrer Arbeit in Rothenburg bildet die als solche bezeichnete „Entsammlung“. Diese allerdings wird erst im kommenden Frühjahr mit erscheinen des Katalogs präsentiert. Während ihres Aufenthaltes hatte Ulrike Mohr die Idee, eine andere Art der Sammlung aufzubauen – die „Entsammlung“. Diese setzt sich aus verschiedenen Stücken zusammen, welche beispielsweise aus dem Reichsstadtmuseum in Rothenburg oder dem Fränkischen Freilandmuseum in Bad Windsheim stammen. Hierbei handelt es sich um geköhlerte historische Objekte, welche zu wurmstichig, beschädigt oder unbedeutend waren, um diese noch länger aufzubewahren. Ein besonderes Objekt ihrer Sammlung ist die Holzkonsole, auf welcher lange Zeit der Meistertrunk-Humpen im Reichsstadtmuseum ausgestellt war.

Vor und nach dem Köhlern…

 

Text/Fotos: Amos Krilles

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