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Karriere in der Heimat

Mit Vorurteilen aufräumen und neue Chancen und Wege für junge Menschen aufzeigen, dass ist das erklärte Ziel der circa vor einem Jahr zusammengefundenen Initiative. Die Initiative will Eltern informieren und auch in den Schulen die guten Entwicklungschancen für Jugendliche, die mit einer gewerblich technischen Ausbildung starten, aufzeigen. Rund 15 produzierende Unternehmen der Region rund 30 Kilometer um den Berufsschulstandort Buchen haben sich an einen Tisch gesetzt. Mit Vorträgen, Schulbesuchen und Diskussionsangeboten bei Elternpflegschaftssitzungen werden aktiv Alternativen zum Vorurteil „Karriere kann nur der machen, der studiert hat.“ aufgezeigt.

BT: Herr Antritter ist das nicht blauäugig, zu sagen, dass Karriere nach der Ausbildung in das Top-Management führen kann?
Stephan Antritter, Scheuermann + Heilig (Buchen-Hainstadt): Ganz und gar nicht – bei Scheuermann und Heilig haben zwei Drittel des Führungsteams ihre Laufbahn mit einer Ausbildung begonnen. Die meisten von ihnen haben sogar bei uns gelernt. Meine Erfahrung ist, dass viele Jugendliche sich mit dem selbst gewählten, beziehungsweise durch die Eltern angeleiteten Schulweg schwer tun. In einer Ausbildung plötzlich aber durch die individuelle Ansprache und das fürsorgliche Umfeld regelrecht aufblühen können. Allein nicht mehr einer unter 25 Schülern zu sein und in einem Unternehmen respektiert, gefordert und gefördert zu werden, verändert das komplette Selbstbild der Jugendlichen. Verantwortung für eine Aufgabe in einem Produktionsprozess zu übernehmen, ist für diese Jugendlichen etwas anderes, wie Schulpflicht zu erfüllen. Ich sehe hier auch für die Persönlichkeitsentwicklung viel Potential.

Peter Gremminger, Procter & Gamble Manufactoring GmbH (Walldürn): Das kann ich für unseren Produktionsstandort in Walldürn voll und ganz bestätigen. Auch in unserer Führungsebenen sind sehr viele Fachleute, die ihr tiefes Verständnis für die Produktionsabläufe zu einem sehr großen Anteil aus einer Ausbildungszeit schöpfen können. Die Ausbildung hat heute einen ganz besonderen Stellenwert bekommen. Wir als Unternehmen stecken viel in die Qualität der Ausbildung. Das bedeutet für die Berufsstarter, dass sie über die drei Jahre sowohl menschlich, kommunikativ, fachlich wie handwerklich sehr intensiv begleitet werden. Alle Unternehmen geben heute viel Geld aus für eine gute Ausbildung. Das werden alle Kollegen hier am Tisch bestätigen. Wir wissen auch warum. Der Fachkräftemangel ist ein echtes Problem. Deshalb braucht es gerade bei den Eltern eine Aktualisierung, was sich am Arbeitsmarkt verändert hat.

BT: Herr Gramlich aber wo ist denn jetzt eigentlich das Problem? Was können denn die Eltern für die Begleitung in ein erfolgreiches Berufsleben tun?
Stefan Gramlich, KUHN GmbH (Höpfingen): Das ist eigentlich ganz einfach. Eltern dürfen heute wieder nach den Talenten, den Neigungen und den Interessen ihrer Kinder schauen. Unser durchlässiges Bildungssystem ermöglicht so viele Varianten, dass die Eltern den Druck rausnehmen können. Die Einstellungskriterien haben sich in den letzten 10 Jahren eklatant verändert. Deshalb appelliere ich hier mit der Initiative für die Wertschätzung der Berufsausbildung in einem Vorort ansässigen Unternehmen. Ein gut gelaunter Hauptschul-Absolvent mit ordentlichen Noten ist mir sehr willkommen. Wenn die Motivation passt und die Eltern mit einer konsequenten Haltung hinter dem Auszubildenden stehen, dann wird das sicher einen sehr guten Verlauf nehmen. Kurze Wege zur Ausbildungsstelle und dabei den eigenen Freundeskreis zur erhalten, bedeutet Lebensfreude. Das erste eigene Geld zu verdienen, gehört sicher auch dazu. Ein später darauf aufbauendes Studium oder eine Meisterausbildung wird mit der soliden Basis einer Ausbildung in der Wirtschaft sehr hoch eingeschätzt.

Herr Gehrig können Sie uns aufzeigen, was das Stichwort: Durchlässiges Bildungssystem konkret für die Laufbahn der Jugendlichen bedeutet, was steckt denn dahinter.
Michael Gehrig, Maschinenfabrik Gustav Eirich GmbH & Co KG (Hardheim):
Durchlässig bedeutet, dass es viele parallele Wege gibt, um seine individuelle Karrierelaufbahn zu beschreiten. Es gibt unzählige Schul- und Weiterbildungsmöglichkeiten. Die „Richtige“ für das eigene Kind herauszufiltern, dass ist echt eine Herausforderung. Ich will das so beschreiben, Frau Tomann, stellen Sie sich vor, Sie hätten drei Töchter und jede geht einen anderen Ausbildungsweg. Das Interessante ist einmal das Alter, die Wahl des Weges und auch die Möglichkeit schon eigenes Geld zu verdienen, zu vergleichen. Die Grafik der IHK Rhein Neckar, die wir in der Initiative vorstellen, zeigt, dass alle Wege möglich sind. Es darf wieder zum eigenen Kind passen. Es gibt nicht nur den einen Weg übers Studium. Das ist übrigens das erklärte Ziel der RIB, die Vorurteile gegen die Ausbildung bei den Eltern von Grundschulkindern zu relativieren und an die Realität anzupassen.

BT: Ist das auch Ihre Erfahrung Herr Hieke, dass die bisherigen Informationen in Schule und Elternhaus nicht mehr zu den Gegebenheiten passen?
Wolfdieter Hieke, Zerspanungswerkzeuge Wolfdieter Hieke (Buchen): Da gibt es ein riesiges Delta zwischen Realität und Chancen-Kommunikation. Mir begegnen immer wieder Eltern und Jugendliche, die berichten, dass man als Hauptschulabgänger keine Möglichkeit hat einen Ausbildungsplatz zu bekommen. Oder dass nur ein Studium zu einer Leitungsposition führen kann. Stimmt, vor zehn Jahren war es noch so, dass jeder Schüler, der sich durch einen Schulweg bis zum Studium auszeichnete, bessere Karriere-Chancen hatte. Heute ist es aber genau anders herum. Die große Zahl der Studienabgänger steht einer kleinen Zahl von Fachkräften mit qualifizierten Ausbildungszeiten gegenüber. Der Bedarf und die Wertschätzung in den Unternehmen haben sich diesbezüglich definitiv gedreht. Und das müssen wir den Eltern und den Schulen so schnell wie möglich vermitteln. Der Kampf um die Jugendlichen, deren Anzahl durch den Demografischen Wandel geringer wird, ist entbrannt. Die Schulen kämpfen um ihren Erhalt. Meine Meinung dazu ist, wenn alle Schüler sich ungeachtet ihrer Talente und Neigungen nur auf das Abitur konzentrieren, dann ist das definitiv ein Verlust an Karriere-Chancen in der Heimat. „Erfolg besteht darin, dass man genau die Fähigkeiten hat, die im Moment gefragt sind.“, so zitiert Wolfdieter Hieke sein Lieblingszitat von Henry Ford.

BT: Ok, aber jetzt einmal konkret an alle Experten hier am Tisch: Was für Ausbildungsberufe gibt es bei Ihnen in der Initiative und hier in der ländlichen Region?
Alle Teilnehmer der Runde hatten schnell die Berufsbezeichnungen der 13 gewerblich technischen Berufe zusammen. Allein die Veränderung der Berufsbezeichnungen ist schon verwirrend, aber die Vielfalt der Möglichkeiten ist beeindruckend. Die Unternehmen der Initiative stemmen ca. 100 Ausbildungsstellen. Circa 15 Ausbildungsstellen sind noch für dieses Jahr offen.

BT: Herr Hollerbach wie wollen die Teilnehmer der RIB die neuen Chancen in die Köpfe der Eltern transportieren?
Roland Hollerbach, Hoffmann + Krippner (Buchen): Die Initiative geht in die Schulen, bietet Kurz-Vorträge in Elternpflegschaftssitzungen an, Podiumsdiskussionen, wie kürzlich auf der Ausbildungsmesse in Hardheim. Auch auf der kommenden Lehrstellenbörse der ÜAB (Überbetriebliche Ausbildungswerkstätte) in Buchen am 1. Juli 2017 sind viele der Unternehmen mit ihren Ansprechpartnern vertreten. Weitere Angebote sind in Planung. Weitere Aktivitäten werden folgen.

Vielen Dank für die vielen Informationen. BlickLokal wird sie weiter begleiten bei Ihrer Aufklärungsarbeit. Gute Nachrichten aus der Region sind unser Steckenpferd. Die Chancen auf eine Karriere in der Heimat. Das sind definitiv gute Nachrichten.

 

Ausbildungsberufe

  • Industriemechaniker/in
  • Zerspanungsmechaniker/in früher: Dreher/Fräser
  • Werkzeugmechaniker
  • Anlagenmechaniker SHK (Sanitär | Heizung | Klima)
  • Mechatroniker
  • Produktdesigner früher: technischer Zeichner
  • Medientechnologe Siebdruck früher: Siebdrucker
  • Verfahrensmechaniker für Kunststoff früher: Kunststoff-Formgeber
  • Verfahrensmechaniker für Oberflächenbeschichtung
  • Elektroniker
  • Fachkraft für Lagerlogistik
  • Konstruktionsmechaniker früher: Bauschlosser

Alle Ausbildungsberufe sind mit einem guten Hauptschulabschluss zu erlernen.

 

Unternehmen der Initiative:
Aurora Konrad G. Schulz GmbH & Co. KG
AZO GmbH & Co. KG
Bleichert Automation GmbH & Co. KG
Dossmann GmbH
GETRAG B.V. & Co. KG
Grammer Interior Components GmbH
Hoffmann + Krippner GmbH
Kuhn GmbH
Maschinenfabrik Gustav Eirich GmbH & Co KG
Mosca GmbH
P&G Manufacturing GmbH
Scheuermann +Heilig GmbH
Zerspanungswerkzeuge Wolfdieter Hieke

(Text/Bilder Beate Tomann)

 

 

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