Andreas Schmid pilgerte auf dem Jakobsweg

Ansbach (hw). Spätestens seit Hape Kerkelings Buch „Ich bin dann mal weg – Meine Reise auf dem Jakobsweg“ erhält das Pilgern nach Santiago de Compostela viel Aufmerksamkeit. Durch die Verfilmung ist auch Andreas Schmid, Geschäftsführer des Ansbacher BrückenCenters, auf das Thema aufmerksam geworden. Im Mai machte er sich in Porto auf den Weg und erreichte nach 260 Kilometern sein Ziel in Spanien.

Andreas Schmid, Geschäftsführer des Ansbacher BrückenCenters, pilgerte entlang des Jakobswegs nach Santiago de Compostela.

Das könnte was für ihn sein, dachte sich Andreas Schmid im vergangenen Jahr, als er den Film „Ich bin dann mal weg“ sah. Er und seine Frau sammelten ohnehin Ideen für den nächsten Urlaub, und er verfügte bereits über Erfahrung als Bergwanderer. „Ich habe gleich losgelegt und den Flug gebucht“, berichtet er, „dann gab es kein Zurück mehr.“ Seine Frau entschied sich stattdessen für eine Radtour von München nach Venedig über die Alpen. Das BrückenCenter musste für eine Weile ohne Geschäftsführer auskommen: „Ich habe hier eine gute Mannschaft, die können das auch ohne mich.“

Am 18. Mai 2019 flog Andreas Schmid schließlich von Nürnberg aus nach Porto. Er hatte sich entschieden, ein Stück des „Caminho Português“ zu beschreiten, der von Lissabon nach Santiago de Compostela führt. Der „klassische“ Jakobsweg, der „Camino Francés“, erstreckt sich auf 800 Kilometern von den Pyrenäen bis nach Santiago de Compostela. „Ich habe mir bewusst eine Route ausgesucht, die nicht so überlaufen ist“, begründet Andreas Schmid seine Wahl.

Von Porto aus marschierte er entlang des Flusses Douro bis zum Meer, dann ging es ins Landesinnere, auf halbem Weg über die spanische Grenze bis nach Santiago de Compostela in Galicien.

Übernachtet wurde in Herbergen entlang des Weges: „Ich hatte Glück, ich habe immer ein Bett gefunden, auch wenn es manchmal das letzte war.“ In den Herbergen gab es Schlafräume für fünf bis zehn, manchmal auch bis zu 20 Personen. Pro Tag legte er zwischen 15 und 30 Kilometer zurück. „Das Abendessen habe ich oft ausfallen lassen: In den südlichen Ländern gibt es oft erst ab 20 Uhr etwas, da war ich schon im Bett.“ Vier Kilo Gewicht hat er verloren. „Die vermisse ich nicht.“

Zu viel Gepäck

Am Rucksack befestigt dient die Jakobsmuschel als treuer Begleiter…

Über den Winter hatte er einen Wanderführer studiert. „Ich war zwölf Jahre beim Bund, Marschieren mit Gepäck ist mir also nicht unbekannt. Ich fühlte mich gut vorbereitet.“ Es sei aber eine ganz andere Erfahrung gewesen: „Ich habe das etwas auf die leichte Schulter genommen.“ Im Führer sei das empfohlene Maximalgewicht des Rucksacks mit zehn Kilo angegeben, der vom Sohn geliehene Trekkingrucksack wog mit Inhalt zwölf Kilo. „Was sind schon zwei Kilo?“, habe sich Andreas Schmid gedacht. „Aber die merkt man.“ Deutlich genug, um neben dem Nassrasierer auch einen spirituellen Wegweiser unterwegs zurückzulassen. „Ich wollte das Büchlein auf der Reise lesen, doch ich war zu k.o. Ich habe es dann in der Bücherei einer Herberge gelassen, damit hatte ich immerhin 50 Gramm Gewicht eingespart.“

Probleme bereitete Andreas Schmid auch sein Schuhwerk. „Die Wanderstiefel waren zwar nicht neu, aber ich hatte sie zu Hause nicht noch einmal ausprobiert. Das war ein typischer Anfängerfehler“, sagt er im Rückblick. „Außerdem bin ich anfangs zu schnell und zu weit gegangen.“

Nach den ersten zwei Pilgertagen mit je rund 25 Kilometern warf er die Stiefel weg. „Ich hatte mehr Blasen als Fuß.“ In einem „Minidorf“ kaufte er sich neue Schuhe, doch mit denen ging es auch nicht. „Ich habe dann meine Trekkingsandalen, die ich für den Notfall dabei hatte, angezogen und bin mit ihnen die gesamte restliche Strecke gelaufen.“ Gerade in Portugal, wo es viele alte Pflasterstraßen gebe, brauche man gutes Schuhwerk: „Die Ansbacher Altstadt ist nichts dagegen.“

Eine Pilgerbekanntschaft, ein Mann namens Francesco aus Polen, habe ihm dann gezeigt, wie er seine Blasen behandeln müsse. „Ich habe fünf Meter Leukoplast verklebt.“ Er habe wohl erst einmal

leiden müssen, bis es schön wurde, kommentiert Andreas Schmid mit einem Lächeln. „Schließlich habe ich aber meinen Rhythmus gefunden.“

Schwarzwälder Kirschkuchen zum Frühstück

In einer ausgehungerten Sekunde kam das leckere Stück „Schwarzwälder“ zum Frühstück genau richtig – ein unvergesslicher Moment…

In der Früh zwischen 6 und 7 Uhr machte er sich jeden Tag auf den Weg, zwei bis drei Stunden später suchte er sich ein Café, um zu frühstücken. „So manch findiger Gastronom hat die Beschilderung verändert, so dass die Pilger die Strecke verlassen und bei ihm vorbeikommen“, hat er beobachtet. Typische Orientierungshinweise entlang des Jakobsweges sind die Jakobsmuschel und ein gelber Pfeil. „Das Frühstück fiel meist eher spartanisch aus mit Kaffee, Orangensaft und Baguette.“

Er kam einmal jedoch auch an einem einfachen Café vorbei, das auf einem Schild auf „Black Forest Cherry Cake“ hinwies. „Ich musste zweimal überlegen, bis ich begriff, dass es da wirklich Schwarzwälder Kirschkuchen gab. Ich war richtig ausgehungert und gönnte mir den dann zum Frühstück.“

Dort traf er auch auf einen älteren Herrn, der Schmuck verkaufte. Seitdem trägt er eine kleine Jakobsmuschel an einer Kette um den Hals, seiner Frau brachte er ein dazu passendes Stück mit. „Ich möchte mir die Erlebnisse und Erkenntnisse immer wieder vergegenwärtigen.“

Sein Weg führte Andreas Schmid durch etwa 100 Ortschaften und Dörfer, er traf Menschen aus der ganzen Welt. „Die Pilger kamen aus Brasilien, den USA, Russland, Japan und Osteuropa. In der Herberge ist man unter sich. Es ist egal, woher jemand stammt und wie alt er ist, man hat eine gemeinsame Basis.“ Die Verständigung funktionierte auf Englisch.

Mit manchen ging er ein Stückchen gemeinsam, vielen begegnete er mehrfach. „Ich habe meine Pilgerbrüder und -schwestern zu unterschiedlichen Gelegenheiten oft wiedergetroffen und damit auch mit manchem Vorurteil aufgeräumt.“ So habe ihn der erste Eindruck ab und zu getrogen: „Manchen habe ich die Route nicht zugetraut, und dann waren die auf einmal schneller als ich.“

Jeder finde seinen eigenen Weg: „Manche gehen pro Tag zehn Kilometer, andere 40. Das spielt untereinander keine Rolle.“

Zu sich selbst gefunden

Der Schatten des Wanderers…

Alleine gepilgert zu sein, hat Andreas Schmid als sehr positiv empfunden. „So war ich sehr unabhängig.“ Außerdem habe ihm die Ruhe unterwegs geholfen, zu sich zu finden. Er habe auch sein Mobiltelefon zu Hause gelassen. „Das kann ich nur empfehlen. Man kann auch ohne Handy gut pilgern!“ Oder gerade deswegen gut – abends hatten viele andere Pilger Steckdosen gesucht, die Wettervorhersage abgerufen, sich in Chatgruppen ausgetauscht. Sie seien durch die dauernden Informationen gestresst gewesen. „Ich habe keine Zeitung gelesen und nichts gewusst, so hatte ich auch keinen Stress.“ Dreimal habe er von unterwegs seine Frau angerufen, einmal eine Postkarte geschrieben, die allerdings erst nach ihm eintraf. „Zwischen Porto und Santiago de Compostela existieren am Weg fünf öffentliche Telefonzellen, und an manchen ist der Münzeinwurf schon verrostet.“

So sei seine Reise ein „richtiger Ausstieg aus dem Alltagsleben“ gewesen: „Ich wollte ganz bewusst in einer anderen Welt unterwegs sein.“

Dass das eben auch ohne Handy funktioniert, konnten manche Menschen, die er traf, kaum glauben: „Ich war wahrscheinlich der einzige ohne Telefon. Ich wurde sogar gefragt, wie man ohne Handy denn überhaupt am Flughafen einchecken kann.“

In einem Tagebuch hielt Andreas Schmid seine Eindrücke, Erfahrungen und Sinnsprüche fest. Bilder machte er mit einer Digitalkamera. „Unterwegs dreht sich fast alles um die Grundbedürfnisse: Gehen, Essen und Schlafen. Gewohnte Abläufe, die man zu Hause verinnerlicht hat, sind nicht mehr nötig, man kann auf alles verzichten und fühlt sich trotzdem sehr wohl.“

Er habe dadurch entschleunigt, stellt Andreas Schmid fest. „Durch das langsame Vorwärtskommen zu Fuß sieht man auch das Land, die Leute, die Kultur. Ich habe mich an kleinen Dingen wie idyllischen Anblicken erfreut und die Natur bewusster wahrgenommen.“

Seine Einstellung habe sich verändert: „Ich bin erstaunt, dass das in meinem Alter noch möglich ist. Aber ich betrachte die Dinge nun oft anders. „Aus ‚muss‘ wird ‚darf‘: Ich muss nicht etwas machen, wie beispielsweise arbeiten, sondern darf.“

Ankunft in Santiago de Compostela

Die jeweiligen Einwohner seien sehr hilfsbereit gewesen, meint Andreas Schmid. „Wenn man sich verlaufen hat, führen sie einen auf den rechten Weg zurück. Ich bin einmal sehr dynamisch einen Berg hochgestiegen, bis ein Herr mich aufhielt und nicht locker ließ, bis ich umkehrte und die richtige Route fand.“

Die Ankunft in Santiago de Compostela, das zu den bedeutendsten Pilgerzielen der Welt gehört, sei „erhebend“ gewesen, erinnert sich Andreas Schmid.

Santiago wurde 830 zum Wallfahrtsort ernannt: Dort entdeckte Gebeine wurden dem Apostel Jakobus zugeschrieben. In der Kathedrale der Stadt, die über dem Grab errichtet wurde, befindet sich ein Reliquienschrein. „Ich kam dort gegen zehn Uhr morgens an“, erzählt Andreas Schmid. „Auf dem großen Platz vor der Kathedrale herrschte eine einzigartige Stimmung. Die Sonne schien genau zwischen den beiden Türmen der Kirche von hinten auf die mittig platzierte Jakobusfigur, was ihr einen besonderen Glanz verlieh. Das war sehr bewegend.“

Endlich am Ziel: Die Morgensonne erhebt sich hinter den beiden Türmen der Kathedrale von Santiago de Compostela.

Im Zentrum des Hochaltars befindet sich eine lebensgroße Jakobusstatue, zu der eine Treppe hinaufführt. Traditionellerweise umarmen Pilger die Figur und sprechen ein Gebet. „Das Pilgern hat einen religiösen Bezug“, betont Andreas Schmid, „sonst könnte man auch einen normalen Wanderweg gehen.“

Mittags besuchte er den Gottesdienst, er kaufte sich eine offizielle Urkunde, die seinen Weg belegt und einen Miniaturwegweiser als Andenken, der auf dem Schreibtisch in seinem Büro steht. Sein Pilgerausweis, ohne den es keinen Zutritt zu den Herbergen gibt, ist voller verschiedenfarbiger Stempel mit unterschiedlichen Motiven. „Nun kann ich sagen: Mein Sündenregister ist rein, ich habe alles abgelaufen“, scherzt Andreas Schmid.

Er könne jedem das Pilgern ans Herz legen, der einmal aus dem gewohnten Alltag ausbrechen wolle: „Jeder, der einigermaßen gesund ist, kann das schaffen. Man muss nur den Mut haben, es zu probieren. Es ist eine emotionale Erfahrung, die über die rationalen Vorzüge der Reise hinausgeht.“

Seine Erlebnisse blieben nachhaltig haften. „Auch eine Pauschalreise ist schön und erholsam, aber die Wirkung vergeht viel schneller.“ Und der „Caminho Portuguêz“ soll nicht seine letzte Pilgerreise gewesen sein. „Im Ruhestand mache ich den klassischen Jakobsweg.“

 

Text: Hanna Wild

Fotos: Andreas Schmid

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