Aktuelle Stellenanzeigen:

Ein Geben und Nehmen im Umsonstladen – Natürliche Ressourcen schützen

Dinkelsbühl (LZ). Zu viele Klamotten, unnötige Spielsachen der Kinder oder gelesene Bücher liegen im Haus herum. Der Dachboden oder Keller füllt sich immer mehr und man weiß nicht mehr wohin mit dem Ganzen. Dieses Dilemma kommt wahrscheinlich jedem Haushalt bekannt vor. Matthias Richter und seine Frau Sonja aus Langensteinbach hatten eine tolle Idee, um Abhilfe zu schaffen: Die Gründung eines Umsonstladens in der Altstadt von Dinkelsbühl. Träger des Ladens ist der Verein Unbezahlbar und Unverkäuflich e. V.

Bücherwürmer sind im Umsonstladen genau richtig! Es gibt eine große Auswahl aus vielen Bereichen.

BlickLokal: Herr Richter, wie kamen Sie auf die Idee, den Umsonstladen in Dinkelsbühl zu gründen?

Richter: Ich habe bereits in einem Umsonstladen in Würzburg mitgeholfen. Als wir dann nach Langensteinbach zogen, wollte meine Frau hier in Dinkelsbühl auch einen gründen. Sie fand einen lehrstehenden Raum in der Altstadt, in dem vorher ein Rot-Kreuz-Laden darin war. Da der Vermieter wieder etwas Gemeinnütziges suchte, war das optimal für uns. Er spendet sogar einen Teil der Miete. Wir gründeten dann Anfang Oktober 2018 den gemeinnützig anerkannten Verein Unbezahlbar und Unverkäuflich e. V., der aus neun Gründungsmitgliedern besteht. Wir verlangen allerdings keinen Vereins- oder Mitgliedsbeitrag und man muss auch nicht Mitglied im Verein sein, um helfen oder spenden zu können. Am 1. Dezember des letzten Jahres war es dann soweit und wir eröffneten den Laden. Fürs Erste gaben wir uns selbst einen halbjährigen Testlauf, um zu sehen, ob es überhaupt gut läuft. Das ist auch so mit dem Vermieter abgesprochen.

BlickLokal: Und was genau steckt hinter dem Konzept des Ladens?

Richter: Leute können Dinge zu uns bringen, die sie Zuhause nicht mehr brauchen. Außer großen Möbeln und Fahrrädern nehmen wir grundsätzlich alles an, was noch funktioniert, in Ordnung und sauber ist. Die verschiedenen Sachen können dann von anderen Leuten, die Verwendung dafür finden, kostenlos mitgenommen werden. Uns interessiert dabei nicht, ob jemand bedürftig ist oder nicht. Es gibt auch keine Regel, dass man nur eine bestimmte Anzahl an Sachen mitnehmen darf. Obwohl tendenziell mehr gebracht als geholt wird, nehmen die Leute das Konzept trotzdem gut an und es geht auch viel raus. Oft ist während den Öffnungszeiten so viel los, dass man sich gar nicht richtig bewegen kann. Die Leute glauben meistens nicht, dass sie die Sachen wirklich umsonst mitnehmen dürfen und fragen immer noch mal nach. Das einzige Problem, das wir haben: Unser Platz im Laden ist begrenzt und wir haben keinen Lagerraum. Da müssen wir oft

Die vielen Klamotten finden einen extra Platz im Nebenraum und werden dort schön sortiert.

mal sagen, dass zum Beispiel 2-3 Wochen keine Kleidung gebracht werden kann. Ansonsten versuchen wir es aber zu vermeiden, Leute wegzuschicken, wenn kein Platz ist. Es geht nämlich sehr schnell, dass sich herumspricht „die nehmen ja nichts“. Wir sind schon permanent am überlegen, wie wir das Platzproblem lösen. Auch Bücher sind nämlich viel zu viele da und wir wissen nicht, wohin damit. Da wir nur saisonbedingte Ware im Laden haben möchten, nehmen wir jetzt auch beispielsweise keine Weihnachtssachen mehr an. Die übrig gebliebenen Winterklamotten packen wir in Kartons und geben sie an die Kirchengemeinde, die diese dann in ärmere Länder wie Bulgarien oder Rumänien schickt.

BlickLokal: Das mit den Kosten für die Miete ist wahrscheinlich auch nicht so einfach. Wie finanzieren Sie das?

Richter: Richtig, die Kosten abzudecken ist momentan noch etwas schwierig, da wir uns aus vielen Gründen gegen eine Spendenbox im Laden entschieden haben. Der größte Teil wird derzeit von Privatpersonen geleistet. Die meisten spenden regelmäßig zwischen fünf und 20 Euro, ab und zu kommen auch einmalige Beträge in Höhe von 50 Euro rein. Die Lokale Aktionsgruppe (LAG) hat einen Einmalbetrag von 2.500 Euro für Anschaffung, aber nicht für Miete gespendet. Auch die Evangelische Kirchengemeinde Segringen hat uns mit 100 Euro unterstützt. Da wir die gesamte Einrichtung geschenkt bekommen haben, ist es für uns am wichtigsten, die laufenden Kosten abzudecken. Da sagen die meisten Firmen leider nein zu einer Spende.

Im Laden gibt es einen Verteiler, aus dem gespendete Lebensmittel an Menschen weitergegeben werden.

BlickLokal: Neben dem Umsonstladen betreiben Sie ja auch noch das sogenannte „Foodsharing“. Wie läuft das genau ab?

Richter: Bevor wir hierhergezogen sind, war ich schon Botschafter für Foodsharing in Würzburg. Foodsharing setzt sich dafür ein, dass keine Lebensmittel weggeworfen werden, die noch verwendbar sind. Viele Sachen kann man auch noch nach Ablauf des Mindesthaltbarkeitsdatum essen. Beim Foodsharing gibt es Vereinbarungen mit Betrieben und Supermärkten. Die Lebensmittel, die übrig oder nicht mehr verkäuflich sind, werden abgeholt und verteilt. Als wir den Umsonstladen gegründet haben war für uns klar, dass ein Foodsharing-Verteiler mit reinkommt. Der Verteiler besteht aus einem Kühlschrank und einem Regal. Dort können auch Privatpersonen ihre Lebensmittel, die sie zum Beispiel vor dem Urlaub nicht mehr verwenden können oder die ihnen nicht schmecken, hineinstellen und wir verschenken das dann weiter. Die einzige Vorschrift, die neben der Beachtung der Lebensmittelhygiene beachtet werden muss, ist, dass die Sachen nicht getauscht oder verkauft, sondern verschenkt werden müssen. Aus der Bewegung kamen auch die ersten Helfer für den Laden.

BlickLokal: Wann können Interessierte im Laden vorbeikommen?

Richter: Unsere Öffnungszeiten haben sich ein bisschen geändert, da es viele Nachfragen gab, ob wir denn nicht auch einmal vormittags öffnen könnten. Jetzt ist der Laden immer Montag und Freitag von 16 bis 18 Uhr, Mittwoch von 9 bis 11 Uhr und von 17 bis 19 Uhr sowie Samstag von 11 bis 13 Uhr geöffnet. Wer Interesse hat, im Laden mitzuhelfen, kann sich jederzeit in die Helferliste eintragen. Die Helfer koordinieren sich hauptsächlich über eine Facebook-Gruppe, es gibt aber auch einen Doodle-Plan, in den man sich eintragen kann. Unter den Helfern herrscht eine gute Atmosphäre und man merkt, dass es ihnen Spaß macht. Während der Öffnungszeiten sind immer circa vier bis acht Helferinnen und Helfer anwesend, denn besonders in der ersten Stunde ist viel zu tun und der Laden meistens voll. Aufgabe der Helferinnen und Helfer ist es, Sachen anzunehmen und aufzuräumen, älteren Leuten beim Ausladen helfen, Fragen beantworten sowie Lebensmittel aus dem Foodsharing-Verteiler an die Leute auszuteilen. Da nicht viel Platz ist, muss man immer schauen, dass alles ordentlich ist. Einmal im Monat haben wir auch ein Mitarbeitertreffen, bei dem Fragen, Wünsche und Anregungen gestellt werden können. Ich kann nur alle dazu ermutigen, einfach vorbei zu kommen und sich trauen, etwas mitzunehmen – ohne das Gefühl zu haben, etwas dafür dalassen zu müssen. Denn wenn jeder meint, er muss genauso viel mitbringen wie er mitnimmt, funktioniert das Konzept nicht. Wir brauchen Leute, die auch nur Sachen mitnehmen!

BlickLokal: Haben Sie bestimmte Ziele für die Zukunft was den Laden betrifft?

Richter: Wir würden gerne mehr annehmen, als wir können. Eine grundsätzliche Überlegung ist, den Laden zu erweitern, aber das ist nicht so einfach. Wir müssen jetzt erst einmal schauen, wie es sich in der nächsten Zeit entwickelt und wie es mit den Spenden läuft. Vielleicht hat ja jemand einen Tipp, wo etwas leersteht. Dafür sind wir natürlich offen. Ansonsten haben wir aber keine großen Ziele. Wir wollen einfach so weitermachen und die gute Atmosphäre, vor allem mit den Helfern, beibehalten. Unser Wunsch ist es, dass mehr Leute in den Laden kommen und etwas mitnehmen. Bevor man sich neue Sachen kauft, soll man lieber in unseren Umsonstladen kommen.

Text und Fotos: Larissa Zimmer

Related Posts

„Kommunikation und das Glück in der Ehe“
„Spirale nach unten muss zerbrochen werden“
Der Riesling Weltmeister im Interview mit BlickLokal