Unternehmen und Verbände warnen vor möglicher EU-Regulierung

Grünsfeld. „Mittelständische Familienunternehmen wie die Firma Bohlender sind ein wesentliches Rückgrat unserer Wirtschaft und unseres gesellschaftlichen Wohlstands sowie unser Joker im Standortpoker“, unterstrich der Landtagsabgeordnete Prof. Dr. Wolfgang Reinhart im Rahmen eines kürzlichen Firmenbesuchs in Grünsfeld. Das auf die Verarbeitung von Hochleistungskunstoffen spezialisierte Unternehmen Bohlender, das einst als Präzisionsdreherei Ende der 50-er Jahre begann, hat im vergangenen Jahr mit seinen rund 80 Mitarbeitern einen Umsatz von 10,5 Millionen Euro erzielt und sich damit im Vergleich zum Vorjahr um 18 Prozent gesteigert, hob Geschäftsführer Volker Bohlender eingangs hervor, der gemeinsam mit Dr. Michael Schlipf, Vorstandsmitglied und Vorsitzender der Fachgruppe Fluoropolymergroup des pro-K Industrieverband Halbzeuge und Konsumprodukte aus Kunststoff e.V., in die Thematik einführte. Sorge bereitet dem Mittelständler derzeit ein EU-Regulierungsverfahren, welches auf einem umfangreichen Verbotsvorschlag der Europäischen Chemikalienagentur ECHA basiert.

Der derzeitige Regulierungsvorschlag sieht umfassende Beschränkungen sogenannter per- und polyfluorierter Alkylverbindungen (PFAS) vor. Geschäftsführer Volker Bohlender sieht darin ein „existenzielles Thema“ für sein Unternehmen, dessen Schwerpunkt auf der Fertigung von Kunststoffprodukten für den professionellen Laborbedarf liegt. Hierbei werden Fluorpolymere verwendet, die aufgrund ihrer Chemikalien-, Hitze- und Feuerresistenz sowie der äußerst geringen Reibungseigenschaften im Einsatzfeld des Labors nicht substituierbar wären. Auch im alltäglichen Leben sind diese Stoffe nicht wegzudenken. So kommen Fluorpolymere nicht nur in der Medizintechnik wie etwa bei OP-Instrumenten und Implantaten sowie als Schläuche in Kaffeemaschinen oder Beschichtungen von Teflon-Pfannen zum Einsatz, sondern sind ebenso für Handys, Computer und in der Chipindustrie essentiell. „Eine 5G-Datenübertragung ist ohne Fluorpolymere nicht denkbar“, betonte Dr. Schlipf. Daneben seien Fluorpolymere wichtige Bestandteile bei der Erzeugung regenerativer Energien, etwa als Beschichtungen von Windradturbinen und Photovoltaikanlagen, sowie im Rahmen einer nachhaltigen Mobilitätsentwicklung, da sie für Batterien von E-Autos ebenso wie in Elektrolysezellen für die Herstellung von grünem Wasserstoff benötigt werden. Ein Abschluss des Regulierungsprozesses sei bis zum Jahr 2027 vorgesehen. „Diese Hängepartie ist für uns nicht hinnehmbar. Wie kann man als Unternehmer mit einer solchen Ungewissheit Investitionsentscheidungen treffen?“, stellte Geschäftsführer Bohlender fragend in den Raum.Wahlkreisabgeordneter Wolfgang Reinhart, der bereits zuvor in einem Abgeordnetenbrief an die baden-württembergische Staatskanzlei dieses dringende Anliegen adressiert hat, sicherte dem Unternehmen seine weitere Unterstützung zu. „Wichtig ist, dass wir für die anstehenden Transformationsaufgaben – sei es bei der Digitalisierung, sei es bei der Dekarbonisierung – nicht durch Materialengpässe ausgebremst werden, sondern eine ausreichende Versorgung sicherstellen. Dabei gilt es, erneute Abhängigkeiten von Drittstaaten zu vermeiden und stattdessen die heimische Produktion zu stärken, um auf europäischer Ebene möglichst autark agieren zu können. Ich rufe deshalb auch dringend Unternehmen und Verbände dazu auf, diese Bedenken und Argumente im laufenden Konsultationsverfahren bei der ECHA bis September einzubringen“, so Europaminister a.D. Wolfgang Reinhart abschließend.

Fotountertext:Das aktuelle PFAS-Regulierungsverfahren der EU stand im Fokus eines Firmenbesuchs von MdL Professor Dr. Wolfgang Reinhart (rechts), hier im Austausch unter anderem mit Geschäftsführer Volker Bohlender (2. von links). Foto: Benedikt Englert