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Projekt „Strohhalm“ als letzte Hoffnung für Betroffene

BAD WINDSHEIM. Nur noch wenige Tage bis Weihnachten: Die meisten Deutschen sind vermutlich schwer damit beschäftigt, letzte Geschenke zu besorgen, sich mit Lebensmittelvorräten für die Feiertage einzudecken und ihre Wohnung gemütlich zu dekorieren. Nicht jeder jedoch ist in der Lage, Weihnachten an einem üppig gedeckten Tisch in einer warmen Wohnung zu verbringen. Auch in unserer Region sind viele Menschen von extremer Armut betroffen – oft unverschuldet. Die Mehrheit sieht weg, man will die unbequeme Wahrheit verdrängen. Nicht so jedoch Gisela Limbacher und ihr Team vom Projekt „Strohhalm“ aus Bad Windsheim. Als Ehrenamtliche geben sie ihr Bestes, um Menschen in finanziellen Notlagen sofortige Hilfe zu bieten – ohne zeitraubende und umständliche Bürokratie.

Das Ehepaar Dankesryder unterstützt mit seiner jährlichen Benefiz-Golfturnieraktion das Projekt Strohhalm mit einer großen Spende. Auf dem Bild zu sehen mit Gisela Limbacher (rechts).

 

Mittlerweile hat das Projekt „Strohhalm“ im Bad Windsheimer aber auch teilweise Ansbacher Landkreis einen beachtlichen Bekanntheitsgrad erreicht. 2011 wurde das Projekt von Gisela Limbacher ins Leben gerufen. Seitdem können Hilfsbedürftige Bad Windsheimer das Bürgerbüro im Bonifatius-Haus aufsuchen. Ziel der Arbeit ist es, Menschen in extremen Notlagen umgehend zu helfen, ganz praktisch in Form von Lebensmitteln, Kleidung oder einer Unterkunft. „Wir prüfen vorher genau was die betroffenen auch wirklich zum Leben brauchen und das kaufen wir dann für Sie. Wir händigen kein Geld direkt aus.“, erklärt Limbacher. So werde sichergestellt, dass die Mittel nicht für Alkohol oder Ähnliches missbraucht würden. Das Projekt finanziert sich ausschließlich über Spenden – eine oft herausfordernde Tatsache. Auch wenn der Bedarf reichlich gegeben ist, so kann doch nur in begrenztem Ausmaß auch Unterstützung geleistet werden. Für das Team ist es eine stetige Herausforderung mit den begrenzt vorhandenen Finanzen so vielen Leuten wie möglich zu helfen. Sobald das Spendenkonto leer ist, sind auch die Hilfsmöglichkeiten der Mitarbeiter nur noch äußerst begrenzt.

Letzte Hoffnung

Gegründet wurde das Projekt von Gisela Limbacher.

Gisela Limbacher in ihrem Büro im Bonifatiushaus, Bad Windsheim.

Die Krankenschwester mit Hospizausbildung beschreibt, wie sie nach ihrem Renteneintritt das Bedürfnis verspürte, weiterhin etwas Sinnvolles zu tun und Menschen damit zu helfen. Sie absolvierte daraufhin eine Fortbildung zum Senior-Trainer und im selben Zuge entstand die Idee vom Projekt „Strohhalm“. Der Strohhalm – gemäß einer bekannten Redewendung ist dieser ein Sinnbild für die letzte, geringe Hoffnung, die ein Ertrinkender hat, wenn er sich an einem solchen festklammert. So will auch Limbacher Menschen Hoffnung geben. Für dieses Ziel scheut sie und ihre Mitstreiter keine Mühen. Direkt im sozialen Brennpunkt arbeitet das fünfköpfige Team mit Menschen, die ansonsten von der Allgemeinheit einfach übersehen werden. Menschen, welche am Existenzminimum leben: Keine Grundnahrungsmittel, kein Strom oder keine Windeln für das neugeborene Baby – alles Beispiele aus dem Alltag von Gisela Limbacher. Manchen fehlt es selbst an einem Dach über dem Kopf – und das im Winter. „Mein Lohn, ist dass ich anderen dienen darf.“, antwortet die ehemalige Krankenschwester auf die Frage nach ihrer persönlichen Motivation. So spiele auch ihr christlicher Glaube eine wichtige Rolle, welcher lehrt, dass alle Menschen denselben Wert haben und dementsprechend mit Würde behandelt werden sollen.

Wenn nichts mehr bleibt…

Als Außenstehender mag es schwer sein zu glauben, dass Armut tatsächlich ein ernstzunehmendes Problem in Deutschland ist. „Selbst, wenn man die Flüchtlingssituation außen vorlässt, ist Armut unter Deutschen ein zunehmendes Problem, wovon viele betroffen sind.“, betont Limbacher und stellt klar, dass auch die Bad Windsheimer Region diesbezüglich keine Ausnahme darstelle. Immer wieder kommt es zu Extremsituationen, in welchen die Betroffenen auf Hilfe von außen angewiesen sind. Wenn jedoch keine Hilfe im Bekannten- oder Verwandtenkreis zu finden ist, was dann? Die Optionen sind spärlich – Gelder können zwar beantragt werden, worauf aber erst einmal ein langwieriger, bürokratischer Prozess in Gang kommt. Wenn alles klappt ist das benötigte Geld dann in einigen Wochen auf dem Konto zur Verfügung. Diese Wartezeiten werden im Ernstfall oft zu einem existenziellen Problem. Wenn man bereits am Armutslimit lebt, können sechs Wochen Warten sehr schnell, sehr lange werden – ohne Hilfe kaum zu überstehen. „Besonders schwierig ist es, wenn Harz-4-Empfänger in die Rente fallen. Dann entsteht eine etwa sieben wöchige Lücke ohne jegliche Zahlung. Wir hatten bereits etliche solcher Fälle.“, so die Projektleiterin. Ähnlich verheerend sei die Situation für frisch entlassene JVA-Häftlinge. Diese hätten zum Teil nicht mehr als eine Plastiktüte mit Unterwäsche bei sich, wenn sie entlassen werden. „Ich hatte einen Fall, da kam eine Frau in Bad Windsheim am Bahnhof an. Alles was sie besaß waren zwei Euro. Sie wurde kürzlich aus dem Gefängnis entlassen. Man gab ihr Geld für das Ticket nach Bad Windsheim, alles was ihr bei der Ankunft blieb waren diese zwei Euro.“

Zwei Zelte unter einer Bundesstraße. Hier hausten vergangenes Jahr zwei aus der JVA Entlassene über Monate, wurden vom Strohhalm mit Nahrungsmittel versorgt. Mit Hilfe des Projektes Strohhalm haben die beiden Männer eine Wohnung gefunden.

„Nicht länger wegschauen!“

Die Liste an Auslösern für finanzielle Krisen ließe sich problemlos fortsetzen. Doch obwohl die Problematiken bekannt sind, duckt sich die Öffentlichkeit größtenteils weg. Laut Limbacher eine Situation, welche man nicht länger ignorieren dürfe. Auch von Staatsseite könne man etwas tun: „Ich wünsche mir mehr Ehrlichkeit und dass der Staat nicht länger wegschaut. Man muss endlich der Realität ins Auge sehen.“ Eine weitere nennenswerte Ursache für plötzliche Finanzkrisen sieht sie in befristeten Arbeitsverträgen. „Der Staat müsste auch was Zeitarbeit angeht andere Regelungen schaffen, sodass die Arbeitnehmer mehr Sicherheit haben. “Häufig geraten Menschen völlig unverschuldet in schwere Finanzkrisen – egal ob plötzliche Kündigung, Krankheitsfall oder Hausbrand – es könnte jeden treffen. Nicht immer ist man selbst seines Glückes Schmied.

Trotz manch harter Zeiten gibt das Team nicht auf und hat sogar ziemlich konkrete Wünsche was die Zukunft des Projektes betrifft.

Eine noch ferne Utopie aber dennoch wirklicher Zukunftswunsch von Gisela Limbacher: „Ich habe eine Vision, dass die Stadt ein altes, ungenutztes Altstadt-Haus kostengünstig herrichtet und für bedürftige Menschen zur Verfügung stellt.“

 

Fallbeispiel aus dem Alltag der „Strohhalm“ Mitarbeiter: „…Zwei Tage vor Heilig Abend kam ein verzweifelter Vater von zwei Kindern und bat um Hilfe. Sein Arbeitgeber hatte sich über Nacht aus dem Staub gemacht und die Löhne nicht mehr ausbezahlt. Die erste Auszahlung von Harz IV dauerte ein paar Wochen. Der Strom wurde gesperrt, zur Stromversorgung war in der Wohnung ein Münzapparat angebracht worden. Zu diesem Zeitpunkt hatte die Familie keinen Euro mehr. Sie konnten nicht einmal eine Babyflasche erwärmen! Die Kinder im Alter von drei Monaten und zwei Jahren hatten keine Windeln mehr, die Babynahrung war aufgebraucht, der Kühlschrank leer.

So ging Gisela Limbacher in einen Discountermarkt und kaufte einen Wagen voll mit Lebensmitteln, Windeln und Babynahrung.“

 

 

 

Die Projektgründerin bei der Spendenübergabe für den schwerkranken Leon. Durch eine Aktion des Projektes Strohhalm wurde dies ermöglicht.

Spendenkonto: Sparkasse Bad Windsheim

 

IBAN: DE65 7625 1020 0221 0989 99

BIC: BYLADEM1NEA

Info: Gisela Limbacher und ihr Team arbeiten rein ehrenamtlich, erhalten keinerlei finanzielle Unterstützung, weder von der Stadt noch vom Landkreis.

Das Spendenkonto des Projektes Strohhalm ist unter dem Dach der Kath. Pfarrei untergebracht, so dass für Spender eine Spendenquittung ausgestellt werden kann.

 

 

 

 

 

Text: Amos Krilles

Fotos: Privat

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