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Birgit H. Gögelein hilft Menschen Ordnung in ihr Leben zu bringen

Von Amos Krilles

Feuchtwangen (ak). Kein alltäglicher Beruf: „AufräumCoach“? Was genau macht dieser eigentlich und für wen empfiehlt es sich, ein Coaching in Anspruch zu nehmen? Kann man „richtiges“ Aufräumen wirklich erlernen? Gibt es grundlegende Tipps und Strategien? Im Interview mit BlickLokal spricht Birgit Hermine Gögelein aus Feuchtwangen über ihre außergewöhnliche Tätigkeit.

AufräumCoach Birgit Hermine Gögelein wünscht sich, dass „Menschen ein unbeschwerteres Leben führen können, ihre
Bestimmung finden und die Welt damit bereichern.“ Foto: Amos Krilles

 

BlickLokal (im folgenden BL): Was muss man zu Ihrer Person wissen?

Birgit H. Gögelein (im folgenden BHG): Mein Name ist Birgit Hermine Gögelein, ich bin geborene Unter-Fränkin und wohne schon seit 1996 in Feuchtwangen.

BL: Welchen Bezug haben Sie zur Kreuzgangsstadt? Was verbindet Sie damit?

BHG: Mein Mann ist geborener Feuchtwanger und ich bin der Liebe wegen hierhergezogen. Außerdem verbindet mich mit Feuchtwangen die Bodenständigkeit der Menschen hier und auch die Bereitschaft der Einheimischen, in der Stadt neue Projekte zu wagen.

BL: Was machen Sie beruflich?

BHG: Ich bin Diplom-Sozialpädagogin und habe zwei Zusatzausbildungen (Gestaltberatung/Gestalttherapie und Heilpraktikerin Psychotherapie). Momentan arbeite ich in Teilzeit an einer Beratungsstelle. In freiberuflicher Tätigkeit biete ich seit 2014 das AufräumCoaching an.

BL: Sie sind „AufräumCoach“. Was muss man sich darunter vorstellen? In wenigen Sätzen erklärt…

BHG: Beim AufräumCoaching geht es in erster Linie darum, sich von überflüssigen materiellen „BalLAST“ zu befreien. In einem Gespräch auf Augenhöhe suchen wir Aus-/Sortier-Lösungen für die konkrete Lebenssituation. Es sollen einfache, umsetzbare Lösungen sein.
Die Menschen lernen ihre ganz persönliche „Wohlfühl-Ordnung“ nach ihrem Rhythmus, nach ihrem Sortiertyp und nach ihrem Aussortier-Stil nachhaltig zu gestalten.
Ich gebe Anregungen und Strukturmöglichkeiten an die Hand. Ziel ist es, Hilfe zur Selbsthilfe zu geben. Das Einhalten der Schweigepflicht versteht sich von selbst.

BL: Was hat Sie dazu bewegt in dieser Richtung aktiv zu werden?

BHG: Vor ungefähr zehn Jahren hat mir meine Schwester ein Hörbuch geschenkt. Da stellte ich fest, dass sich Menschen mit meinem Leidenschafts-Thema dem Aus-/Sortieren bereits professionell befasst haben.  Es wurde erklärt, dass es viele Menschen gibt, für die Ordnung halten eine echte Herausforderung bedeutet.

BL: Was fasziniert Sie persönlich so sehr am Aufräumen?

BHG: Es treibt mich frühs förmlich aus dem Bett, um selbst an meiner „Wohlfühl-Ordnung“ dranzubleiben. Ich kreiere neue Ideen für meine Kurse und den monatlichen Newsletter. Hierbei stelle ich mir immer wieder die Frage: „Wie kann ich noch einfacher und anregender vermitteln, dass es sich lohnt mit dem Aus-/Sortieren zu beginnen?“ Das ist oft der schwerste Schritt, die größte Hürde, sich zu überwinden, endlich damit anzufangen.
Stress wird durch das Nichtbeginnen, das Liegenlassen, das Vor-sich-Herschieben erzeugt. Das wirkt im Hinterkopf und zehrt Energie.
Komme ich in Bewegung, verändert sich mein Leben und es stellt sich ein Freiheitsgefühl ein. Es ist wie eine Art „Aufräum-Entschlackungs-Kur“. Ich bringe mein Leben auf den aktuellen Stand und meistens stellt sich auch ein Freudegefühl ein. Mit leichtem Gepäck geht`s einfach leichter durchs Leben. Das fasziniert mich am Aufräumen.

BL: Warum möchten Sie ihre „Erkenntnisse“ auch an andere weitergeben?

BHG: Mir geht es darum, dass Menschen eine Grundordnung für sich finden, damit sie
eigene Berufungen entdecken und leben lernen. Menschen sollen ihren eigenen Ton in die Welt bringen und weniger Zeit mit Herumräumen und Umräumen verschwenden. Jeder hat eine Berufung, die die Welt braucht.

BL: Also geht es gewissermaßen darum, einen „Lebensstil“ zu entwickeln, der Ordnung nach sich zieht?

BHG: Aussortieren ist ein lebenslanger Prozess. Immer wieder gibt es etwas „Aus-/zu-Sortieren“ oder Wegzugeben. Man kann sich das Leben durch Weniger erleichtern.
Die wiedergefundene Klarheit und Übersicht während solcher Prozesse, fasziniert mich immer wieder.

BL: Beispiele für ganz praktische Konsequenzen?
BHG: Gerade in der momentan besonderen Situation finde ich es schön, nach Hause zu kommen und eine überschaubare gemütliche Atmosphäre vorzufinden. Ein aufgeräumter Wohnraum hilft, plötzlich auftretende Herausforderungen besser bewältigen zu können.
Und ich gewinne mehr Zeit für Schönes, verschwende keine Zeit mit Suchen.
Ich spare Geld, weil ich weiß was ich habe und dadurch Fehlkäufe/Mehrfachkäufe reduziere bzw. vermeide.

BL: Wie haben Sie sich das benötigte Wissen angeeignet?

BHG: Schon in meiner Familie habe ich als Kind gerne den Keller und den Dachboden aufgeräumt und eine Übersicht geschaffen. Bei Verwandten und Freunden habe ich auf Bitten hin ausgemistet und aussortiert. Ich habe Kurse besucht, viel darüber gelesen und mir in der Begleitung und im Coaching viel Erfahrungswissen angeeignet. Daraus habe ich über Jahre hinweg ein eigenes Konzept entwickelt.

BL: Wie muss man sich so eine Beratung ganz praktisch vorstellen? Handelt es sich eher um Einzelberatungen oder machen Sie das auch mit Gruppen?

BHG: Einzelberatung: es ruft jemand an und wir vereinbaren einen Termin. Dieser kann live, telefonisch oder online sein.  Gemeinsam wird die Situation besprochen und erstmal angenommen. Mit einfachen Regeln und Schritt-für-Schritt-Anleitungen wird das alltägliche Chaos bewältigt und eine Übersicht zurückgewonnen. Das Grundsatz-Motto lautet: „mein Wohnraum ist aufgeräumt genug, um gesund zu sein und chaotisch genug, um glücklich zu sein.“

BL: Und wie ist der Ablauf mit mehreren Teilnehmern?

BHG: Ich biete regional und überregional Kursabende an. In deren Rahmen stelle ich mein Konzept vor und die Teilnehmer arbeiten aktiv mit, indem sie schriftlich in Form von Arbeitsblättern für sich Fragen beantworten. Ein Kursabend dauert circa zwei Stunden.
Auch Teil meines Angebotes sind vertiefende Tagesworkshops. Neuerdings haben sich Kursabende über das Internet bewährt. Bei Webinaren erhalten die Teilnehmer vorher per E-Mail Fragen, die sie beantworten und mir zusenden. Auch über diese Kurs-Form ergeben sich interessante hilfreiche Prozesse.

BL: Wie reagieren die Teilnehmer auf das Gruppen-Setting? Schließlich ist das Thema „Unordnung“ nicht selten mit einer gewissen Scham behaftet…

BHG: Die Rückmeldungen waren bis jetzt sehr positiv. In allen Kursen ist es für die Personen oft eine große Erleichterung mitzubekommen, dass das Aus-Sortieren auch für andere Menschen eine Herausforderung ist und sie nicht alleine damit sind. Dadurch verliert dieses Thema an Schwere und es wird oft geschmunzelt und gelacht.

BL: Findet das Coaching generell eher über einen längeren Zeitraum statt oder handelt es sich um einmalige/wenige Beratungseinheiten?

BHG: Es gibt kürzeres und längeres Coaching, je nach Bedarf der Person. Meistens sind es drei bis fünf Beratungen, jeweils zwischen 60 und 90 Minuten.
Dann gibt es aber auch Menschen, die ich über einen längeren Zeitraum begleite.

BL: Die Gründe warum man Hilfe beim Aufräumen und aus-sortieren in Anspruch nimmt sind sicherlich vielfältig. Wie ist das, wenn Menschen aufgrund psychologischer Ursachen nicht in der Lage sind Ordnung zu halten bzw. auszusortieren, etwa bei Verlustängsten usw. Machen Sie in dieser Hinsicht einen Unterschied bzw. bieten dann auch tiefergehende Unterstützung an?

BHG: Es gibt vielfältige Gründe, so zum Beispiel: ich möchte wieder mehr Platz schaffen, es hat sich Zuviel über die Jahre angesammelt; ich ziehe um; wir ziehen zusammen; ich muss aus einem Haus in eine kleine Wohnung ziehen; ich ziehe ins Seniorenheim; die Kinder sind aus dem Haus – was behalten wir/ich; jemand ist gestorben und ich habe den Nachlass zu regeln; seit der Scheidung habe ich immer noch alle Sachen des Zusammenlebens und möchte mich endlich davon trennen… Die Liste ließe sich problemlos fortsetzen.

Wenn aber beispielsweise jemand vom Messie-Syndrom betroffen ist, und, wie es im Fachjargon heißt, eine Wertbeimessungsstörung hat oder aufgrund von Depression nicht mehr aufräumen kann, dann ist eine andere Vorgehensweise nötig. Da dauert die Begleitung meist auch länger. Die Zusatz-Ausbildungen und meine jahrelange berufliche Erfahrung als Sozialpädagogin erlauben mir dann, spezielle therapeutische Elemente einzusetzen.

BL: Was sind Gründe dafür, dass Menschen „krankhaft“ sammeln?

BHG: Meine Erfahrung ist, dass hinter jedem Horten in der Regel auch ein Sinn steht.
Dass kann zum Beispiel die Kriegserfahrung der Eltern sein, welche situationsbedingt viel sammelten und die Kinder das dann übernommen haben.
Es können Traumata sein, wobei das Sammeln von Dingen eine Art Schutz bietet. Ein anderer häufiger Auslöser des Sammelbeginns wäre beispielsweise auch der Tod des Partners.

BL: Was wäre ein „Extrembeispiel“, das sie selbst mitbekommen haben?

BHG: Ein Extrembeispiel war die Situation einer Person, die schon Probleme mit dem Vermieter bekam. Im Wohnraum und auch im Hausgang standen Stapel von Illustrierten und Papieren. Es hatte alles eine Ordnung, doch die Masse der Papierstapel war bedrückend und beengend.
Nach längerer Begleitung und gemeinsamer Ursachenforschung stellte sich heraus, dass die Kriegserlebnisse der Eltern, der frühe Tod eines nahen Angehörigen und die Scheidung vom Ehepartner einfach Zuviel waren und sich das symbolisch im Äußeren zeigte. Als diese Themen bearbeitet waren, konnte die betroffene Person die Papierstapel Schritt für Schritt abbauen und der Wohnraum war wieder bewohnbar.

BL: Warum ist es Ihrer Meinung nach wichtig, regelmäßig auszusortieren und sich von unnötigen Dingen zu befreien?

BHG: Durch das ständige Dranbleiben am Aussortieren bleibe ich beweglich, aktuell, fühle ein Freiheitsgefühl, habe Kontrolle über meinen Wohnraum als einen wichtigen Bereich in meinem Leben, behalte den Überblick, fühle mich erleichtert, komme gerne nach Hause, kann Menschen bedenkenlos in den Wohnraum lassen, finde alles schnell. Eine Grundordnung entspannt, beruhigt, hilft zu einem Flow-Zustand und führt zu einer gemütlichen Wohlfühl-Atmosphäre. Chaos ist schnell wieder beseitigt.

BL: Wem empfehlen Sie ein Coaching in Anspruch zu nehmen?

BHG: Ich empfehle Aus-/Sortieren jedem, der wieder Bewegung in sein Leben bringen möchte. Es ist ein Gewinn für den Alltag und für die Seele, sich nachhaltig eine ganz persönliche Grundordnung zu schaffen, immer wieder neu eine Balance zwischen Chaos und Ordnung zu finden, gemäß dem Motto: „Es ist aufgeräumt genug, dass ich gesund bleibe und chaotisch genug, dass ich glücklich bin.“

BL: Wie reagieren die Teilnehmer in der Regel auf das „Coaching“ bzw. die Resultate? Viele wissen wohl vorher auch gar nicht so genau was sie erwartet…?

BHG: Nach den Kursen sind die Teilnehmer meistens überrascht, in welche Bereiche
Aus-/Sortieren überall hineinwirkt. Es ist eine Grundhaltung dem Leben gegenüber und führt auf jeden Fall zu mehr Lebensqualität: für sich, den anderen und dem Leben gegenüber.

Eine Frau um die 40 Jahre, die auf Wunsch der Eltern zu einem Abendkurs mitgekommen war, hat nach längerer Arbeitslosigkeit eine neue Ausbildung aufgenommen, beendet und eine Arbeitsstelle gefunden.
Ein Ehemann, der einen Kurs von mir besucht hat, teilte mir mit, dass er inzwischen radikaler als seine Frau ist. Vor kurzem hat er seine gesamte Schallplattensammlung an ein Tierheim für einen Flohmarkt abgegeben. Er hat die Musik digitalisiert und wollte einfach mehr Platz im Wohnzimmer haben.

BL: Gibt es einige Tipps oder grundlegende Dinge, die man wissen sollte, wenn es um das Thema Aufräumen geht? Einfache Möglichkeiten, wie sich jeder sein Leben etwas leichter machen kann?

BHG: Das Wichtigste bei dem ganzen Thema Aus-/Sortieren ist: Beginnen und Dranbleiben.

Hier drei Regeln, um nachhaltig eine Ordnung im Alltag einzuüben:

Wenn ich ein neues Teil anschaffe, darf ein altes Teil gehen. Es muss nicht das gleiche Ding sein. Kaufe ich mir einen Pullover lasse ich ein Buch los und bringe es in das offene Bücherregal vor Ort. So bleibt zumindest der gesamte Hausstand von durchschnittlich 12000 Dingen einer Person konstant und wächst nicht weiter an.

Vor jedem Neukauf empfehle ich zwei Fragen zu stellen: „brauche ich das wirklich?“ und „vereinfacht es mein Leben?“

Um Ordnung zu halten hilft: „Jedes Ding hat seinen Platz“ (z.B. Schlüssel, Brille, Geldbeutel immer an der gleichen Stelle ablegen und nach Benutzen zurückbringen) und
„Gleiches gehört zusammen“, z.B. alle Werkzeuge müssen in den Werkzeugkasten.

BL: Wie kommt man an tiefergehende Informationen zu Ihrer Arbeit?

BHG: Weiteres ist unter der Homepage www.im-grunde.de zu finden. Wer möchte, kann sich über die Homepage zum Newsletter anmelden, der jeden ersten Montag im Monat Aus-/Sortiertipps enthält.

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