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Rothenburger Krankenpflege-Azubi besuchte Klinik in Malawi

ROTHENBURG/NTCHEU. „Andere Länder, andere Sitten“, so lautet ein bekanntes Sprichwort. Doch nicht nur andere Sitten, sondern eine völlig andere Welt erwartete Ruth Krilles, welche gegenwärtig am Rothenburger Krankenhaus eine Ausbildung zur Krankenpflegerin absolviert. Die Auszubildende besuchte während der Sommerferien im August ein Krankenhaus in Malawi, dort war sie in der Lage ihren persönlichen sowie ihren fachlichen Horizont zu erweitern – die Erfahrungen standen regelmäßig im völligen Kontrast zu deutschen Standards. Im Interview mit BlickLokal berichtet sie, wie der afrikanische Krankenhausalltag aussieht und mit welchen – zum Teil äußerst kuriosen – Situationen sie dort konfrontiert war.

 

2016 begann die damals 17-jährige Ruth Krilles mit ihrer Ausbildung zur Krankenschwester. Die Erfahrungen, welche die gebürtige Rothenburgerin in beheimateten Krankenhäusern sammeln konnte, unterscheiden sich drastisch von dem, was sie in der 12.000 Einwohnerstadt „Ntcheu“ in Malawi erlebte. Für insgesamt drei Wochen war die Auszubildende in Malawi, eine Woche lang war sie Teil des Krankenhauspersonals. Träger der Klinik ist die Organisation „Extending Hope“, Schwerpunkt der örtlichen Arbeit ist die ambulante Versorgung der Kleinstadtbewohner.

 

BlickLokal (im folgenden BL): Erst einmal einige Fragen zu deiner Person… Woher kam die Entscheidung nach Afrika in ein Krankenhaus zu gehen?

Ruth Krilles (im folgenden RK): Für mich stand schon seit langem fest, dass ich nach meiner Ausbildung ins Ausland und dort arbeiten will. Daher hatte ich die Idee, erstmal zu „schnuppern“ wie das ist…

BL: Wunsch und Realität sind ja oftmals zwei Paar Schuhe… Wie hat sich die Möglichkeit ergeben, dann tatsächlich nach Malawi zu gehen?

RK: Bekannte aus Rothenburg, die selbst lange Zeit in Malawi lebten, hatten die Kontakte und kannten den Krankenhausleiter. Diese „Insider“ haben mir das dann vermittelt. Es war allerdings auch nicht ganz leicht dort anzukommen, ohne Jemanden zu kennen.

BL: Warum bist Du überhaupt Krankenschwester geworden?

RK: Ich interessiere mich für Medizin und arbeite gerne mit Menschen. Es ist schön anderen helfen zu können. Kleine Taten können schon große Auswirkungen haben.

BL: Wie war das mit deiner Schule? Wurdest Du unterstützt beziehungsweise wird das irgendwie angerechnet? Oder zählt das als alleiniges Privatvergnügen?

RK: Die Kosten musste ich selbst übernehmen, verständlicherweise… Aber die Zeit wird mir als Außeneinsatz angerechnet!

BL: Verglichen mit dem Pflegealltag im Rothenburger Krankenhaus gab es sicher einige Unterschiede dort, oder?

RK: Ja, definitiv. Die komplette Situation lässt sich kaum vergleichen. Am Beispiel Hygiene wird das schnell deutlich.

BL: Konkreter?

RK: Händewaschen zum Beispiel gibt es dort eigentlich nicht. Seife ist der pure Luxus für die Menschen. Einmal haben eine befreundete Kollegin aus der Schweiz und ich Seife gekauft, nach nicht einmal einem Tag war sie gestohlen… Auch Handschuhe werden nur ganz selten verwendet.

BL: Verglichen mit Deutschland, was muss man sich unter „selten“ vorstellen?

RK: In Rothenburg zum Beispiel brauche ich am Tag ungefähr 100 Paare Handschuhe, allein sechs Mal wechseln bei der morgendlichen Versorgung einer einzigen Person. In Afrika haben wir fast nur Handschuhe verwendet, wenn Patienten HIV-positiv waren.

BL: Ok, und abgesehen von Hygiene, wie ist das mit Technik und so weiter – ist man dort auf demselben Niveau wie bei uns?

RK: Aufgrund von mangelndem Geld war die Klinik relativ schlecht ausgestattet. Es gab beispielsweise keine Betten., keine Arbeitskleidung und auch Medikamente waren oft nicht vorrätig. Aber die Menschen sind dafür sehr kreativ und machen viel aus dem was sie haben. Bei der Wundversorgung haben wir zum Teil einfach Zucker als prophylaktische Maßnahme aufgetragen.

BL: Das ist dann vermutlich auch für das Pflegepersonal nicht so einfach?

RK: Ja das stimmt. Man würde gerne helfen aber kann nicht, weil die Medikamente fehlen. Allgemein bewundere ich die Arbeit der Ärzte dort, diese sind 24 Stunden verfügbar. Anders wie bei uns leben sie direkt im Krankenhaus und sind dauernd im Einsatz. Manchmal kommen Patienten nachts um drei…

BL: Das ist wirklich vorbildlicher Einsatz der Ärzte, lohnt sich das dann auch finanziell?

RK: Ein Arzt verdient dort etwa 300 Dollar im Monat – manche aber auch wesentlich mehr. Je nachdem wo man arbeitet. Der Durchschnittslohn in Malawi ist nur rund 50 Dollar pro Monat.

BL: Wie kann man Arzt werden? Braucht man ein Studium oder eine Ausbildung?

RK: In meiner Klinik war ein Arzt der hatte Krankenpfleger und Hebamme gelernt eigentlich – war aber trotzdem als Arzt tätig. Und er hatte wirklich viel Wissen, also es ist nicht zwingend so, dass die Ärzte inkompetent sind, nur weil es dort kein Ausbildungssystem nach unserem Verständnis gibt.

BL: Dann warst Du dort quasi auch fast Arzt – fachlich gesehen …? Durftest Du dann auch mehr machen als zuhause?

RK: Manchmal habe ich bei Operationen assistiert. Einmal hätte ich sogar selbst operieren dürfen, habe aber abgelehnt. Oft wurde ich auch für die Diagnostik eingesetzt, was in Deutschland in der Regel auch nur Ärzte machen. Krankenschwestern sind nur „ausführende“ Kraft.

BL: Was sind aus medizinischer Sicht die Hauptprobleme in Malawi?

RK: Schwerpunkte unserer Arbeit waren Malaria, Familienplanung, Schwangerschaftskontrolle und Geschlechtskrankheiten. Grippefälle waren auch häufig, aber das liegt auch an der anderen Mentalität. Die Menschen dort haben schnell Angst, dass sie ernsthaft krank sind und gehen daher schnell zum Arzt und hoffen auf Medizin. In Deutschland ist der Trend eher gegenteilig, man versucht alternative Lösungen zu finden und nicht wegen jeder Kleinigkeit zum Arzt zu rennen.

BL: Und wer zahlt die Behandlung? Gibt es dort Krankenversicherungen?

RK: Zum einen Teil finanziert sich die Klinik über Spenden, zum anderen erhalten die Krankenhäuser dort auch staatliche Unterstützung in Form vom Medikamenten – oft zu wenig. Ich erinnere mich an eine Situation, als wir einen Schwangerschaftstest machen wollten, aber keiner mehr da war. Also ging das nicht. Es gibt zwar theoretisch Versicherungen, aber so gut wie niemand nutzt sie. Fast immer zahlen die Patienten selbst.

BL: So eine Erfahrung verändert mit Sicherheit persönliche Denkweisen und erweitert den Horizont. Gibt es Beispiel für Dinge die Du gelernt hast beziehungsweise für Dein Leben mitnimmst? Was hat Dich am meisten beeindruckt?

RK: Ich habe gelernt Alltägliches mehr zu schätzen, ich weiß jetzt wie es ist, manche Dinge nicht zu haben und dennoch zurechtkommen zu müssen. Was mich tief beeindruckt hat, war die Großzügigkeit der Menschen dort. Ich habe direkt in der Familie eines Klinikmitarbeiters gelebt. Obwohl die Leute sehr arm sind teilen sie alles und sind sehr großzügig.

BL: Letzte Frage, was war das kurioseste was Du dort erlebt hast?

RK: An einem Tag kam ein Anfang 20-jähriger Patient mit starken Verletzungen im Gesicht und am Finger. Es sah aus wie „Löcher“ hinter oder durch seine Augenbraue. Er erzählte uns dann, dass sein Stiefvater ihn gebissen habe. Abgesehen von der üblen Wunde gab es ein weiteres, wesentlich dramatischeres Problem: Der Stiefvater ist HIV-positiv. Nur befürchtete sein Sohn, ebenfalls infiziert worden zu sein. Zum Glück gibt es für solche Fälle Medizin, die das Infektionsrisiko mindern soll, insofern diese innerhalb von drei Tagen verabreicht wird. Aber wie so oft hatten wir sie nicht vorrätig, wir konnten dem jungen Mann dann vorerst nicht helfen. Auch im Lauf der nächsten Tage konnten wir keine Medikamente auftreiben… Ich frage mich immer noch, was wohl aus ihm geworden ist – ob der die Medizin noch rechtzeitig bekommen hat?

 

 

 

Fotos: Ruth Krilles – Text: Amos Krilles

 

BU:

A: Malaria ist eine der verbreitetsten Krankheiten in Malawi, mit einem einfachen Schnelltest kann die Infektion nachgewiesen werden.

 

B: Klinikapotheke.

C: Medikamentenlager – der Krankenhauseigene Medizinvorrat.

 

D: Im vergangenen August war die Auszubildende Krankenschwester Ruth Krilles für eine Woche Mitarbeiter im Krankenhaus in Ntcheu/Malawi.

E: Untersuchungszimmer/ Operationsraum…

 

F: Das Klinikpersonal, ein kleiner Trupp leistet jede Menge Arbeit.

 

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