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Immer mehr Kinder können nicht schwimmen – Fast 60 Prozent der Zahnjährigen sind keine sicheren Schwimmer

MAIN-TAUBER-KREIS (DLRG/SH). Eine repräsentative Forsa-Umfrage hat es deutlich aufgezeigt: 59 Prozent der Zehnjährigen sind keine sicheren Schwimmer. Dies gab die Deutsche Lebens-Rettungs-Gesellschaft (DLRG) im Juni 2017 in Hannover bekannt. Als sicherer Schwimmer wird bezeichnet, wer die Disziplinen des Jugendschwimmabzeichens in Bronze (Freischwimmer) erfüllt. Diese Auffassung teilen alle Schwimmsporttreibenden Verbände und die Kultusministerkonferenz (KMK). „Die Schwimmfähigkeit der Kinder im Grundschulalter ist weiterhin ungenügend. Im Durchschnitt besitzen nur 40 Prozent der Sechs- bis Zehnjährigen ein Jugendschwimmabzeichen“, so der heutige DLRG-Präsident Achim Haag während der Präsentation der Zahlen. Die Umfrage zeige hier sehr deutlich auf, dass nach Angaben des befragten Elternteils 77 Prozent der Grundschüler das „Seepferdchen“ absolviert haben. Haag: „Als sicherer Schwimmer kann nur gelten, wer die Disziplinen des Jugendschwimmabzeichens in Bronze sicher beherrscht. Alle Experten, Sportwissenschaftler und unsere Ausbilder sind sich einig, dass die Prüfungsanforderungen des Seepferdchens dafür zu gering sind.“ Das Seepferdchen ist kein Schwimmabzeichen, hier handelt es sich lediglich um eine Bescheinigung dafür, dass sich das Kind auf einer Stecke von 25 Metern über Wasser halten kann.
Bäderschließungen sind einer der Gründe
Die Gründe für diese Entwicklung sind sowohl im familiären als auch im schulischen Bereich zu suchen, und auch die Bäderschließungen spielen eine Rolle. Achim Haag: „Wer Bäder schließt, um Kosten zu senken, handelt fahrlässig und verantwortungslos. Die DLRG sieht in diesem Umfrage-Ergebnis eine Bestätigung ihrer Position und versteht das Ergebnis als Auftrag, ihre Arbeit für den Fortbestand der Schwimmbäder auf allen Ebenen fortzusetzen.“

Wann wurde das Schwimmen gelernt?
Bezeichnend in diesem Zusammenhang sind auch die Ergebnisse zur Frage „Wann haben Sie schwimmen gelernt?“. „In der Grundschule ist die Schwimmausbildung offenbar aus der Mode gekommen, und geht die Entwicklung so weiter, gibt es die dort bald gar nicht mehr“, empört sich Haag. Bei den über 60-Jährigen waren es noch 56 Prozent, die in der Grundschulzeit das Schwimmen erlernten, 52 Prozent bei den 45- bis 59-Jährigen, schon nur noch 49 bei den 30- bis 44-Jährigen. Und erschreckend die Zahl bei den jetzt 14- bis 29-jährigen Befragten: Nur noch 36 Prozent lernten das Schwimmen in der Grundschule. Mittlerweile haben rund 25 Prozent der Grundschulen keinen Zugang zu einem Bad. Wenig überraschend ist deshalb auch das Ergebnis zu der Frage „Wo haben die Kinder schwimmen gelernt?“. Nur 27 Prozent der Eltern sagten „in der Schule“. Hier tut sich ein großes Problem auf, das auch mit dem Rückgang des Schulschwimmunterrichtes zusammenhängt. Die DLRG fordert die Grundschulen auf, ihrem gesetzlich vorgeschriebenen Auftrag, nämlich Schwimmunterricht zu erteilen, nachzukommen. „Wenn diese Entwicklung so weitergeht, ist es nur noch eine Frage der Zeit, wann Deutschland zu einem Land der Nichtschwimmer wird.“

Jeder Zweite nicht sicher im Wasser
Auf die Frage „Wie bewerten Sie ihre eigene Schwimmfähigkeit?“ bezeichnen sich 14 Prozent als sehr guter Schwimmer und 33 Prozent als guter Schwimmer. Für einen durchschnittlichen Schwimmer halten sich 40 Prozent, als schlechten Schwimmer bezeichnen sich 9 Prozent, und 3 Prozent „outeten“ sich als Nichtschwimmer. Der Anteil der Nichtschwimmer und unsicheren Schwimmer in der Bevölkerung beläuft sich damit auf 52 Prozent. Mehr als die Hälfte der Interviewten ist also im Wasser unsicher oder kaum in der Lage, sich selbst zu retten. Bei diesen Gruppen ist das Risiko zu ertrinken besonders hoch. Das persönliche Urteil über die eigene Schwimmfähigkeit ist natürlich subjektiv. 61 Prozent der 14- bis 29-Jährigen bezeichnen sich als sichere Schwimmer, ebenso 52 Prozent der 30- bis 44-Jährigen. In der Altersklasse 45 bis 59 sind es nur noch 47 Prozent. Lediglich 36 Prozent der Befragten ab 60 Jahre geben an, sicher schwimmen zu können. Bei genauer Betrachtung zeigt sich ein deutliches Indiz dafür, weshalb ältere Mitbürger heute besonders häufig ertrinken.

Immer mehr Kinder können nicht schwimmen. Foto: DLRG

 

Interview mit Achim Wiese, Pressesprecher Deutsche Lebens-Rettungs-Gesellschaft e.V. Bundesgeschäftsstelle

BlickLokal: 59 Prozent der Zehnjährigen können nicht schwimmen, was sind Gründe dafür?

Achim Wiese: Das schleichende Bädersterben in Deutschland – 25 Prozent der Grundschulen haben keinen Zugang zu überhaupt irgendeinem Bad. Viele der Grundschullehrkräfte werden Fachfremd eingesetzt. Ebenfalls viele besitzen nicht die sogenannte Rettungsfähigkeit, sind also nicht in der Lage zu erkennen, wenn ein Kind droht zu ertrinken bzw. sind nicht in der Lage es zu retten.

BlickLokal: Ist es wirklich ausschließlich das Bädersterben oder hat das noch weitere Ursachen?
Achim Wiese: Natürlich sind die Interessen der Kinder auch beim Handy etc. – aber einen Trend der Unlust zum Schwimmen lernen sehen wir nicht. Eltern sind oftmals beide berufstätig und haben – besonders die alleinerziehenden – keine Möglichkeit zu normalen Zeiten mit ihren Kindern zur Schwimmausbildung zu fahren. Die Ganztagsschulen bieten auch oftmals nicht die Möglichkeit. Eltern sollten ihren Kindern auch nicht das Schwimmen lehren, sondern es den Fachleuten überlassen.

BlickLokal: Welche Gegenmaßnahmen unternimmt die DLRG?

Achim Wiese: Wir betreiben seit über 15 Jahren entsprechende Lobbyarbeit – gerade was das Schwimmbadsterben anbelangt. Jetzt aktuell läuft die Petition „Rettet die Bäder“

BlickLokal: Was müssten Gemeinden, Schulen, Landkreise und die Bundesländer dagegen unternehmen?

Achim Wiese: Unsere Forderung – auch mit der Petition: Einen Masterplan in Deutschland erstellen – wo brauchen wir welche Schwimmbäder und wann. Es müssen sich daran alle beteilgen: Bund, Länder, Gemeinden und die Nutzer der Bäder. Das ist ähnlich wie in den 50er/60er als die Deutsche Olympische Gesellschaft gegründet und der Goldene Plan erstellt wurde. Es hat also vor fast 70 Jahren funktioniert, sollte bzw. muss auch jetzt funktionieren.

BlickLokal: Wie können Eltern die Neugierde auf das Schwimmen bei ihrem Nachwuchs fördern?

Achim Wiese: Schon im Kleinkinderalter – beispielsweise in der Badewanne und im Kindergartenalter mit der Wassergewöhnung – der Seepferdchenkurse

BlickLokal: Welche Bedeutung hat das Schwimmen für Kinder?

Achim Wiese: Es ist die beste Lebensversicherung

BlickLokal: Erwachsene, die nicht schwimmen können, schämen sich oftmals dafür. Was ist hier der richtige Weg?

Achim Wiese: Kommen Sie zur DLRG, lernen Sie mit Gleichgesinnten das Schwimmen – ohne Scham und Scheu. Wir bieten auch Erwachsenenschwimmkurse an. Schwimmen können bedeutet Spaß, Freude und auch ein Teil von Freiheit.
BlickLokal: Was ist die Folge der zunehmenden Anzahl an Nichtschwimmern?
Achim Wiese: Die Zahl der Ertrinkungstoten wird steigen – gerade die Zahl der Kinder und älteren Menschen.

BlickLokal: Vielen Dank für das Interview!

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