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„Im Bereich Energie einsparen wird zu wenig gemacht“

Bad Mergentheim. Bei der Klimakonferenz im vergangenen Dezember in Paris hat sich die Weltgemeinschaft erstmals verbindlich auf das 2°-Ziel, das die Erderwärmung durch die Reduzierung des CO2-Ausstoßes begrenzen soll, geeinigt. Die Nutzung von erneuerbaren Energien zur Stromerzeugung, die Rolle von Industrie und Verkehr stehen dabei im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit. Die energetische Gebäudesanierung wird dagegen von Politik und Gesellschaft oft noch etwas stiefmütterlich behandelt. BlickLokal traf sich deshalb mit vier Experten aus der Region und stellt Ihnen heute Hintergründe, Entwicklungen und Handlungsmöglichkeiten für jeden Einzelnen vor.

Mit Bernd Jurgan (flambriks-süd GmbH), Joachim Kossowski (Kossowski GmbH&Co. KG, kosol new energy), Wolfgang Ulshöfer (Ernst Ulshöfer GmbH) und Thomas Faul (Gebäude-Energieberater der Stadtwerke Tauberfranken) fand sich eine kompetente Runde in Sachen Energieffizienz und Energieeinsparmaßnahmen in unserer Bad Mergentheimer BlickLokal-Geschäftsstelle ein.

„Fossile Energie ist momentan zu billig“

„Das momentane Problem ist, das fossile Energie zu billig ist. Im Bereich Energie einsparen wird zu wenig gemacht“, bringt Thomas Faul die aktuelle Situation gleich zu Beginn des Gesprächs zur Sprache. Die meisten Gebäudebesitzer gingen über die Heizungssanierung nicht hinaus.
In seinem Job als Gebäude-Energieberater stellt er mit seinen Kunden den Ist-Zustand eines Gebäudes fest und analysiert anschließend, welche Sanierungsmaßnahmen am sinnvollsten sind. Über die KfW-Bank können die Kunden dann einen 15%-Zuschuss für ihre Maßnahmen erhalten.
„Diese Möglichkeit hat sich noch nicht ganz herumgesprochen, aber dort, wo es bekannt ist, kommt es gut an. Baden-Württemberg ist zudem das einzige Land, das im Erneuerbaren-Energien-Gesetz bei einem Heizungsaustausch einen Anteil von 15% erneuerbarer Energien an der Wärmerzeugung verlangt.
Auch Wolfgang Ulshöfer machen die billigen Energiepreise Sorgen. „Sobald Energie billig wird, interessiert sich keiner mehr für Wärmedämmung“, bemängelt er das oft kurzfristige Denken.
Joachim Kossowski zeichnete dagegen ein etwas positiveres Bild: „Wir merken, die Leute denken doch zukunftsorientiert. Sie wissen, dass die fossile Energie keine Zukunft hat.“

„35% des CO2-Ausstoßes kommt aus Gebäuden“

Die vier Energie-Experten werden nicht müde, die Bedeutung der Gebäudesanierung für Energiewende und Klimaschutz hervorzuheben. Und man nimmt ihnen im Gespräch ab, dass sie dies nicht nur aus geschäftlichen Interessen, sondern aus Überzeugung tun. 35% des CO2-Ausstoßes in der Bundesrepublik kämen aus Gebäuden, können sie eindrucksvolle Zahlen nennen. „Das Hauptpotential steckt in privaten Haushalten“, sind sie überzeugt.

Beim Thema Wärmedämmung machen sie darauf aufmerksam, dass hier viele falsche Informationen im Umlauf seien. „Die meisten Kunden nutzen Styropor zur Wärmedämmung, erklärt Wolfgang Ulshöfer. „Das ist eine Preisfrage.“ Als gängige Falschinformationen über den Dämmstoff Styropor führt er an, dieser brenne und die Wand könne nicht mehr atmen. „Ein Styroporhaus atmet genauso wie ein Holzhaus“, ist der Fachmann überzeugt.
Problematisch werde es, wenn die Dämmstoffdichte bei 20cm liege (ein Minimum von 14cm ist bei der Altbausanierung gesetzlich festgelegt.), ergänzt Thomas Faul. Schimmel entstehe vor allem dann, wenn ein Altbau über eine schlechte Dämmung verfüge und dann eine 3-fach Fensterverglasung eingebaut werde. „Die Luftfeuchtigkeit sollte 65% nicht überschreiten.“
Wärmebildkameras seien hier das wichtigste Instrument.

Trend zu Erdgasbrennwertheizung

Für Kunden sei es besonders wichtig, zu wissen, wo es eine umfassende Beratung gebe und der Handwerker nicht nur einzelne Gewerke anbiete, berichtet Bernd Jurgan aus seinem Erfahrungsschatz.
Ein Energieberater könne auch hier Hilfe leisten, indem er analysiere, was für das gesamte Gebäude am sinnvollsten sein. Im Einzelfall, z.B. beim Thema Wärmepumpe, könne es sinnvoll sein, erst zu dämmen und dann die Heizung zu tauschen.
Beim Heizkesselaustausch in Altbauten werde oft von Öl auf Gas umgestellt. Der Trend gehe zu Erdgasbrennwertheizungen in Verbindung mit Solar oder Photovoltaik. In Neubauten sei Öl gar kein Thema mehr. Am wichtigsten sei, dass das Gebäude zur Energie passe, macht Thomas Faul deutlich.
Universallösungen und -tipps, dies wird im Verlauf des Gespräch mehr als klar, gibt es jedenfalls nicht.
Als eine Hoffnung für die Zukunft nennt Faul die Brennstoffzelle, die mit Erdgas betrieben wird und Wärme und Strom gleichzeitig erzeugt.

„Jemand muss anfangen, sonst macht es auch keiner nach“

Zum Abschluss der Gesprächsrunde wird es grundsätzlich. „Wir müssen unsere Ressourcen lange genug schützen, mit Fracking wird enorm viel kaputt gemacht. Es ist ein kleiner Aufwand Ressourcen zu schützen. Das größte Problem ist das billige Öl. Aber wer ein bißchen über seinen Tellerrand hinausschaut, müsste die Probleme erkennen. Irgendjemand muss mit dem Wandel anfangen, sonst macht es auch keiner nach“, gibt Joachim Kossowski ein klares Statement ab.
Thomas Faul stellt noch einmal das große Einsparpotential bei der Gebäudesanierung heraus: „Durch einen Heizkesselaustausch kann 20% Energie eingespart werden, kommen noch Fenster und Dämmung dazu sind um die 50% möglich.“
Auch auf das Thema Altersarmut kommen die Experten zu sprechen. „Man sollte jetzt aktiv sein, bevor man im Alter kein Geld mehr zum Sanieren hat. So kann man im Alter schuldenfrei auskommen“, bemerkt Bernd Jurgan abschließend.

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