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Grüngut, Schnittholz, Rasenschnitt – Abfall oder vielleicht sehr viel mehr?

Pflanzenkohle und Nährhumus – zwei Produkte aus Rohstoffen, die nachwachsen.

Buchen. Was passiert eigentlich mit den 30.000 Tonnen Grünabfällen, die jährlich im Neckar-Odenwald-Kreis anfallen. Auf den Grüngutplätzen landet von Strauch- und Baumschnittholz über Grün- und Rasenschnitt und krautigen Gartenabfällen alles wachsende, das in den Gärten zu viel geworden ist. Die Abfallwirtschaftsgesellschaft des Kreises (AWN) hatte da 2012 beim zwanzigsten Geburtstag die Idee zu einem Biomassezentrum. Das Biomassezentrum haben wir uns einmal genauer angeschaut. Bei einem Besuch in den „Sansenhecken“ zeigte uns Martin Hahn, Leitung Unternehmenskommunikation mit seinen Kollegen vom engagierten „Biomasseteam“ Christian Gramlich und Manuel Müller die aktuelle Entwicklungssituation.
Rein rechtlich ist es seit 2012 (mit Übergangsfrist) nicht mehr erlaubt, Material von Grüngutplätzen unbehandelt auf den Feldern auszubringen. Das Material muss nach dem Häckseln einen Hygienisierungsprozess durchlaufen – damit will man alle Bakterien, Keime, Schädlinge und Schädlingspflanzen abtöten, um eine Vermehrung auf den Feldern zu vermeiden. Im Biomassezentrum in Buchen gibt es für die Stoffströme von den Grüngutplätzen interessante Verwendungsmöglichkeiten: Das holzige Material wird aufbereitet und dient als Brennmaterial und aus dem krautigen Material kann hochwertiger Nährhumus hergestellt werden. Zudem wird auf Sansenhecken aus Holzhackschnitzeln hochwertige Pflanzenkohle „gezaubert“.
Pflanzenkohle? Wozu braucht man denn so was?
In einem speziellen Verfahren (Karbonisierungsprozess) wird unter Luftentzug und mit einer geringen Starterenergie ein „Köhler-Prozess“ in Gang gesetzt. Bei diesem technischen Prozess wird das eingegebene Material – ein Mix aus vorbereitetem Hackschnitzel-Stückchen – verkohlt und eben nicht verbrannt. Dies geschieht bei rund 600 ° Grad Celsius. Synthese-Gase werden anschließend in einer Nachbrennerkammer bei über 1.100 ° Grad Celsius vollständig verbrannt, sodass hier nur sehr geringe Abgasemissionen entstehen. Nur 1/10 der Kohlenmonoxid-Mengen eines üblichen Haushaltkamins mit Holzfeuerung wird wieder an die Umwelt abgegeben. Das ist wirklich beeindruckend, wenn man bedenkt, dass die Energieleistung der Anlage ca. 500 kW und einer Abwärmeleistung rund 150 kW beträgt – ein normaler Haushaltsofen hat ca. 10 kW. Diese PYREG-Anlage ist eine von rund 30 Anlagen weltweit, wobei die meisten in Deutschland, Österreich und der Schweiz stehen. Aber sie gehört zu denen, die am besten betrieben wird und deren Ergebnisse vorbildlich sind. Was zur Folge hat, dass sich hier die Besucher und internationale Fachgruppen die Türklinke in die Hand geben. Die Begeisterung der AWN-Mitarbeiter springt direkt über. Die Anlage wird als Klimaschutzsprojekt vom Umweltministerium in Baden Württemberg gefördert und begleitet. Alle Versuchsergebnisse über zum Beispiel die optimale Zusammensetzung des verwendeten Input-Materials werden dokumentiert und weiter gegeben. Die Pflanzenkohle, zertifiziert nach EBC, ist so rein und gut, dass sie für verschiedene anspruchsvolle Anwendungen eingesetzt werden kann. Aber wer braucht denn Pflanzenkohle? Dazu ist wichtig zu wissen, was für Eigenschaften diese Kohle mitbringt. Klein aber oho – die Kohle hat durch die porige Mikrostruktur eine extrem große Oberfläche mit der es möglich ist, zum Beispiel Wasser und Nährstoffe zu binden. Beigemengt zum Stalleinstreu nimmt sie beispielsweise die Gülle und damit den Gestank auf und kann dann später auf dem Feld diese natürlichen Düngestoffe nach und nach an die Pflanzen abgeben. Die Pflanzenkohle wird auch als Zuschlagstoff für die Herstellung von tierischen Futtermitteln eingesetzt, weil sie sich als gesundheitsfördernd erwiesen hat. Allein die dauerhafte Bindung von CO2 in Ackerböden kann die Umwelt entlasten: Eine Tonne Pflanzenkohle kann die dreifache Menge an CO2 im Boden „festhalten“.

 

Amazonas-Indianer als Vorbild

Schon vor 2.000 Jahre waren die Amazonas-Indianer mit „Terra Preta“ trotz ausgemergelter Urwaldböden in der Lage erfolgreich Ackerbau zu betreiben. Unsere Ackerböden haben in den vergangenen Jahren durch viele Einflüsse sehr gelitten und auch die Starkregen haben einen Anteil an dem Schwund unseres Humusanteils. Generationen von Regenwürmern und Mikroorganismen können nicht mehr heilen, was durch Überdüngung, Wetterkatastrophen und die nicht Bewirtschaftung von Feldern an Fruchtbarkeit verloren gegangen ist. Da scheint es ja fast wie ein Wunder, dass es Menschen gibt, die sich dafür einsetzen, unsere Böden wieder mit Leben zu beimpfen. Kürzlich erst waren Angelika Lübke-Hildebrandt mit ihrem Mann Urs zu einem Anwendertag „Pflanzenkohle und Substrate“ im Biomassezentrum. Sie sind die Fachleute, die die richtigen Zutaten für einen gesunden Humus erprobt haben und deren Zusammensetzung in die Welt tragen. Es geht um Nährhumus, der sich aus den verfügbaren Materialien aus der Landschaft, dem Garten und der Küche (Grünschnitt, der krautige Anteil des Grüngutes Küchenabfälle und Mist) zusammenstellen lässt. Dazu braucht es auch noch einen Anteil toniger Erde, einen Anteil an Pflanzenkohle und den „Sauerteig“ (10 Prozent des fertigen Kompostes) als Aktivator. Danach erfolgt eine genaue Überwachung der Parameter Temperatur, der Feuchtigkeit und des Sauerstoffes sowie das gezielte Wenden der Miete (ein langer Haufen). Nach rund acht Wochen ist ein wertvoller krümeliger Nährhumus entstanden. Ein Nährhumus, der über eine Art „Biochip“ verfügt, die komplexen natürliche Vorgänge überwacht und „das Wissen“ an die Erde auf dem Acker, im Blumentopf und im Garten weitergeben kann. Setzt man der Rezeptur des Nährhumus gleich zu Beginn knapp 10% der hochwertigen eigenen Pflanzenkohle hinzu, entsteht die Wundererde der Amazonas-Indianer, die „Terra Preta“. Diese zeichnet sich noch zusätzlich durch eine sehr hohe Wasserspeicherfähigkeit aus. „Einfach faszinierend dieser simple aber dennoch so komplexe Vorgang.“ so Martin Hahn, der die Freude über das Projekt sehr gut zu vermitteln verstand. Die AWN hat sich für das Projekt Biomassezentrum frühzeitig um erfahrene Wissensträger bemüht und der Erfolg gibt dem Projekt absolut Recht. Christian Gramlich, Manuel Müller und der technische Leiter Harald Schäfer freuen sich darauf in baldiger Zukunft den Versuchsstatus endlich verlassen zu können und eine Möglichkeit für den Verkauf des guten Materials zu haben. Kleinmengen, Säcke oder Eimer werden kurzfristig nicht als Verkaufseinheit machbar sein, aber das ist eher eine Frage der Logistik. Es ist durchaus vorstellbar schon bald an Landwirte oder an Gartenbesitzer mit einem Autoanhänger den Nährboden abzugeben. Näheres finden Sie auch unter www.awn-online.de/biomassezentrum.

Wenn das mal nicht wirklich guten Nachrichten aus der Region sind. Gartenabfälle und Grüngut werden hier zukünftig noch mehr in Leben schaffendes und fruchtbares Material gewandelt. Es ist eine Freude, dass mit solchen Maßnahmen die Zukunft ein Stück besser werden kann.

Text und Fotos Beate Tomann

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