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Die Geschichte des kleinen Cristiano

Aleppo/Wertheim. Die Vorfälle von Köln lassen aktuell wieder viel Wind in die Flüchtlingsdebatte wehe. Auch viel Gegenwind. Bei all den durchaus vorhandenen Problemen, die der Strom an Zuwanderung mit sich bringt, darf man die Menschen und ihre Geschichten dahinter auf keinen Fall vergessen. Reporter Thomas Poppe traf den kleinen Cristiano und seine Familie in der LEA Wertheim. Die Geschichte der syrischen Familie, die ein ganz normales Leben hatte – bis der Krieg kam.

„Warum Menschen vor Krieg fliehen, sollte eigentlich eine Frage sein, die sich von selbst beantwortet. Dennoch fehlt einigen Menschen offenbar die Phantasie, der Blick über den Tellerrand oder einfach nur der nötige Funken Menschlichkeit. In der LEA Wertheim habe ich den kleinen Cristiano besucht. Er ist am 1. September 2015 geboren worden. Auf der Flucht. Irgendwo zwischen Serbien und Mazedonien im Wald. Wer nach Cristianos Geschichte noch keine Empathie hat, wird sie auch nicht mehr bekommen. Die Eltern des Kleinen lebten in Aleppo, der zweitgrößten Stadt in Syrien mit einst 2,5 Millionen Einwohnern. Der Vater ist Schneider, verarbeitet beruflich Spitze, die drei Kinder sind im Grundschul- und Kindergartenalter. Ein ganz normales Leben. Eine ganz normale Familie. Seit Sommer 2012 ist Aleppo umkämpft. Rebellen im Osten, Assad im Westen. Russland und der Iran mischen gegen die Dschihadisten mit. Ein wenig wie Berlin zur Besatzungszeit – nur eben mit Krieg. Täglich gibt es Gefechte, Bombe fliegen. Das normale Leben für die normale Familie gab es nicht mehr. Wer „Aleppo + Zerstörung“ googelt, kann es vielleicht verstehen – ein wenig.

Als das Haus der Familie zerstört wird, fliehen sie in die Nachbarstadt. Besser ist es dort kaum. Die Familie erfährt von der Schwangerschaft und es wächst der Gedanke an eine Flucht nach Europa. Drei Monate Planung sind nötig um die Reise antreten zu können. Nicht, weil es eine gute Option ist. Es ist die einzige Option. Lange Details über die Reise erspare ich mir. Über die Flucht aus Syrien nach Europa kursieren unzählige Bericht und Reporterstücke im Netz, die die Strapazen und Gefahren beschreiben. Nur so viel: Acht Tage Fußmarsch im Dauerregen sind für eine hochschwangere Frau, Kinder und auch einen erwachsenen Mann alles, aber keine lockere Wanderung. Hilfe bekamen sie dennoch auf dem Weg von allen Seiten – anders wäre es wohl kaum machbar gewesen.

CRISTIANO

CRISTIANO

Die erste Hilflosigkeit kommt auf der dreistündigen Schiffsüberfahrt, aber alles geht gut. Über Griechenland soll die Reise ins Zentrum von Europa weiter gehen. Und irgendwo auf diesem Weg – zwischen Mazedonien und Serbien in einem Wald – will Cristiano raus. In der Gruppe mit der die Familie unterwegs war, gab es (so übersetzt es mir der Dolmetscher) “eine Frau die sich ein wenig mit Geburten auskannte“. Das war alles, was es an Hilfe gab. Kein Krankenhaus, keine Hygiene, keine Schmerzmittel. Cristino kommt am Abend des 1. Septembers 2015 auf die Welt. Ein kleines Wunder, dass Mama und Sohn die Geburt überstehen und die Reise fortsetzen. Wo andere Kinder Windeln, Body und Strampler nach diversen Untersuchungen tragen, hat Cristiano eine ganz spezielle Kleidung: Eine Plastiktüte ist Windel, Body und Strampler zugleich. Für zwei Tage. Mehr ist nicht da. Der Gesundheitszustand von Mama und Kind verschlechtert sich immer mehr. Erst, als sie nach Tagen ein Krankenhaus erreichen, wird es besser.

Seinen Namen hat Cristiano von dem berühmten Fußballer. Der Papa ist Fan, Ronaldo ist DER Kicker in Europa und Europa ist die neue Heimat der Familie. Zumindest jetzt. Denn als ich den Papa nach seinem größten Wunsch frage, sagt er: „Wieder ohne Sorgen in der Heimat leben. Die Kinder dort aufwachsen sehen, ein glückliches Leben führen!“ und dann will er noch Danke sagen für an alle, die ihm geholfen haben, an die Deutschen, die die Familie aufgenommen haben und an Gott, dass sie noch am Leben sein dürfen. Worte eines Mannes, der ein ganz normales Leben führte. Mit einer ganz normalen Familie. Bis ein Krieg, den er nie wollte und an dem er nichts ändern konnte, dieses Leben von heute auf morgen zerstörten.

Es mag sein, dass die Deutsche Willkommenskultur auch schlechte Menschen anlockt. Mit Sicherheit will sich ein Teil der Flüchtlinge aus sichereren Gebieten auch nur bereichern. Deutschland wird von seinen neuen Einwohnern gefordert und gefördert werden. Man kann vieles hinterfragen, man darf Kritik an vielen Abläufen und dem System üben. Dinge müssen sich ändern, zugunsten der wirklich Bedürftigen verbessern. Man muss sich im Klaren sein, dass die Flüchtlingsthematik uns noch lange beschäftigen wird. Was man aber nicht darf: Krieg nicht als Grund für Flucht akzeptieren und eine kleines Stückchen des eigenen Wohlstandes über den Grundbedürfnisse eines jeden Menschen ansiedeln. Wer das tut, der nimmt tausenden Familien die Chance auf das Leben, das wir führen. Das wir führen, weil wir Glück hatten, dass unser Alltag nicht von Krieg zerstört wurde. Ein Leben, das jeder verdient hat. Unabhängig von Nationalität und Religion. Wer eine Grenze für einen unbekannten Anteil von schlechten Menschen schließt, der schließt sie auch für Cristiano und Tausende andere Familien wie seine. Allen, die das nicht nachvollziehen können, wünsche ich, dass sie nie eine Entscheidung wie Cristianos Papa treffen müssen: Im Krieg leben oder mit Frau, Kindern und Baby fliehen und alles zurück lassen, was einst für Heimat und Glück stand.“

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