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Wiederbelebung einer alten Tradition durch Nutzung von Synergien

Sinbronn (pm/ak). Gemeindeweideflächen gab es früher in jedem Ort. Heute sind davon wenige übriggeblieben, was viele Gründe und Ursachen hat. Der Frage, wie es gelingen könne, solche hochwertigen Biotopkomplexe zu erhalten gingen jetzt bei einem Termin an der alten Sinbronner Hutung verschiedene Beteiligte nach. Georg Piott als Vertreter von Bürgermeister Dr. Christoph Hammer konnte dazu mit den Familien Reinhard aus Karlsholz als Bewirtschaftern, mit Norbert Metz vom Landschaftspflegeverband (LPV) Mittelfranken und Stadtrat Heinrich Schöllmann (Karlsholz) die Initiatoren des Projektes, das sich auf eine Fläche von 5,7 Hektar, wovon 4,6 Hektar beweidet werden, begrüßen. Es sei die Kombination aus Nutzung, Natur- und Landschaftsschutz sowie der Erhalt von Traditionen, die die Besonderheit des Projektes ausmachten, war man sich einig. Dazu sei es notwendig im ständigen Austausch zu stehen und die Wünsche und Notwendigkeiten aller Beteiligten auszutauschen.

Von links: Die Familien Reinhardt, Bürgermeister Georg Piott, Norbert Metz (LPV Mfr.) und Stadtrat Heinrich Schöllmann. Fotos: Jürgen Eisen

Norbert Metz vom Landschaftspflegeverband Mittelfranken erläuterte zu Beginn die Begrifflichkeiten und den kulturhistorischen Hintergrund der früher allgegenwärtigen Nutzung von Hutungen. In jeder Gemeinde gab es Gemeindeweiden und -wälder, also gemeinsam genutzte Flächen, sogenannte Allmende. Dazu gehörten die weniger ertragreichen Flächen, meist Streuobstbestände und oft auch Dorfweiher, die im Brandfall als Löschteich dienten. Jeder Hof hatte einen Anteil. Zur Bewirtschaftung der landwirtschaftlichen Flächen stellten die Bauern, die als Rechtlergemeinschaft fungierten, einen Schäfer ein. Dieser erhielt von jedem Bauern die Schafe und Ziegen um damit die Gemeinschaftsflächen zu bewirtschaften. Im Herbst, bevor die Tiere in den Stall kamen, ging der Schäfer zur Nachbeweidung über die Flur, wobei verlost wurde, bei welchem Rechtler der Schäfer an welchem Tag auf die Felder durfte. Schließlich profitierten die Bauern vom hinterlassenen Dung und Mist der Tiere als wertvollen Dünger. Als Gegenleistung war der Bauer verpflichtet, die Schäfer an diesem Tag zu versorgen, Ein Teil der sogenannten Schäferromantik, wie die Schäferstündchen, stehen im engen Zusammenhang mit jener Zeit, so Norbert Metz.

Landschaft „offen halten“

Schafhaltung wurde in ganz Franken so oder so ähnlich betrieben. Eine Aufgabe des Schäfers und der Rechtler war es, die Gemeindeweide sauber zu halten. Es war selbstverständlich, Weideunkräuter und Dornen wie Schlehe oder Weißdorn zurückzuhalten. Im Zuge der Flurbereinigung in den 1950er und 1960er Jahren verschwanden die Gemeindeflächen und damit die Schafhaltungen nach und nach. Norbert Metz berichtete von einer letzten Rechtleraktion in Gerolfingen 1964 mit damals 72 Beteiligten.  Nach einer zehnjährigen Beweidungspause wurden die Hutungen am Hesselberg an einen Schäfer aus Wittelshofen verpachtet. Klar ist, dass die Offenhaltung der Landschaft nur in der Kombination von Mensch und Tier funktioniere. Die bekannteste dürften die Aktionen 100 Hände für den Hesselberg sein, aber auch in Sinbronn und anderen Orten im Hesselbergraum besinnt man sich mit Bürgeraktionen seiner Kultur, freut sich der Landschaftspflegeexperte.

Gute Perspektive für Sinbronner Hutung

Georg Piott und Heinrich Schöllmann gingen auf die Besonderheit der Sinbronner Hutungsfläche ein. Als letzte erhaltene Hutung im Stadtgebiet Dinkelsbühls sind solche offenen Wiesenlandschaften in der Agrarlandschaft oft schon 500 Jahre alt. Mit dem Rückgang der Schafhaltung und der Veränderung der landwirtschaftlichen Produktivität gingen die Hutungen vielfach im Rahmen der Flurbereinigung an die Kommunen über und wurden umgewandelt, umgebrochen oder als Bauflächen gebraucht. Um den Charakter und die Artenvielfalt einer Hutung zu erhalten brauche es aber eine extensive Nutzung mit Weidetieren, wenige Düngung und entsprechende Pflege. Dies gehe nur mit entsprechenden Partnerschaften und den gesellschaftlichen Leistungen von Vertragsnaturschutz- oder Kulturlandschaftsprogrammen. Mit den öffentlichen Mitteln können die Relikte der Nutzungsgeschichte erhalten werden. Piott, Schöllmann und Metz freuen sich, dass mit den Familien Reinhardt aus Karlsholz nun ein geeigneter Partner gefunden werden konnte. Von Seiten der Stadt und des LPV wolle man, sobald es möglich ist, die für Hutungen untypischen Nadelbäume am Rande der Sinbronner Fläche zurücknehmen und entsprechend lichte Stellen schaffen. Auch das Pflanzen von Obst- oder Landschaftsbäumen könne zur weiteren Aufwertung beitragen.

Galloway-Rinder als Landschaftspfleger 

Philipp und Thomas Reinhardt aus Karlsholz haben mit ihren Galloway-Rindern, einer relativ kleinen und robusten, auf karge Standorte angepasste Rinderrasse aus den schottischen Highlands, die Beweidung übernommen. Der Stoffwechsel der Tiere, die wind- und wetterunabhängig sind, habe sich auf solche Verhältnisse angepasst. Waren es im ersten Jahr noch die Muttertiere mit ihren Kälbern, die sich auf der 4,6 Hektar großen Fläche tummelten, sind es aus arbeitswirtschaftlichen Gründen derzeit 13 Färsen und Ochsen, während sich die Kühe und Kälber zwecks der besseren Kontrolle auf Weideflächen in direkter Hofnähe aufhalten.

Hobby etabliert sich als Geschäftsmodell

Philipp Reinhardt berichtete weiter, dass die Vermarktung der Tiere und damit die Inwertsetzung anders laufen müsse, als bei anderen Rindermästern. Die Rinder wachsen langsamer und benötigen drei Jahre bis zur Schlachtreife. Der Verkauf erfolge in Zehnkilopaketen als Direktvermarktung. Erst wenn die rund 200 Kilogramm Schlachtgewicht vorbestellt sind, werde ein Tier regional in Dombühl geschlachtet und verkauft. Was 2014 als Hobby begann erfreue sich inzwischen einer größeren Nachfrage. Als weiteres Standbein der Familien, Thomas und Philipp Reinhardt gehen einer außerlandwirtschaftlichen Tätigkeit nach, stehe demnächst ein zweites Hühnermobil zur Verfügung.

Hutung erhalten

Der Dank der Familien galt Norbert Metz für den Einsatz, die Hutung nutzen zu können, die Bereitschaft der Stadt Dinkelsbühl und der Dorfgemeinschaft Sinbronn, die Hutung erhalten zu wollen und allen, die sich für die Flexibilität der Beweidung im Jahreslauf einsetzen. Begrüßt werde auch, dass es Ende Oktober oder Anfang November eine Entbuschungsaktion geben soll.

Ein natürliches Rückzugsgebiet 

Für die Besucher der Hutung, die am neuen Radweg zwischen Sinbronn und Botzenweiler gut erreichbar ist, richten die Gebrüder Reinhardt den Apell, nur den Teil der abgetrennten Fläche zu betreten, auf denen gerade keine Rinder sind. Auch für die Streuobstbäume wird es mit der Stadt und den Rinderhaltern eine Lösung der Nutzung geben. Wichtig sei aber auch, dass die Hutung als eine Art Insel ein Rückzugsbereich für Schmetterlinge und Insekten aller Art, es gibt so zum Beispiel einige hundert Ameisenhaufen, bleibe.