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Christina Sack Selbstversuch Sehbehindert

Ein Tag als Sehbehinderte – Reporterin Christina Sack im Selbstversuch

Vor einigen Monaten machte ich meinen ersten Selbstversuch und setzte mich für einen Tag in einen Rollstuhl. Aus diesem Selbsttest nahm ich viele Erfahrungen und Eindrücke mit, meine Sensibilität für das Thema „Alltag als Behinderter“ war geweckt. Nun entschloss ich mich als nächsten Schritt einen Tag als Sehbehinderte zu erleben. Ausgestattet mit Augenbinde und Stock versuchte ich meinen normalen Alltag so gut wie möglich zu meistern – ein Versuch der letztendlich kläglich scheiterte…

Bei meinen Recherchen zum Thema Blindheit/Sehbehindert wurde mir eines schnell klar: Konnte ich meinen Selbstversuch im Rollstuhl noch relativ authentisch gestalten, ist das bei diesem Thema fast umöglich. Mit Augenbinde und Stock lässt sich einfach nicht die Wahrnehmung eines Blinden simulieren. Unsere gängige Vorstellung von Blindheit als völlige Dunkelheit ist nicht viel mehr als ein Klischee. Blinde und Sehbehinderte nehmen durchaus – in unterschiedlichen Varianten und Abstufungen – Lichtunterschiede und dergleichen war. Auch verändert sich mit zunehmender Dauer der Erkrankung sicherlich die Körperwahrnehmung, entwickeln sich die anderen Sinne weiter. Alles Voraussetzungen, die ich in meinem Selbstversuch nicht simulieren konnte. Trotzdem entschloss ich mich, den Versuch durchzuziehen – sei es auch nur, um eine vage Ahnung von der Thematik zu bekommen.

Zahl der Sehbehinderten steigt

Zunächst machte ich mich mit ein paar Fakten zum Thema vertraut: Ein Mensch gilt als sehbehindert, wenn er auf dem besser sehenden Auge selbst mit Brille oder Kontaktlinsen nicht mehr als 30 % von dem sieht, was ein Mensch mit normaler Sehkraft erkennt. Ein Mensch ist hochgradig sehbehindert, wenn er auf dem besser sehenden Auge selbst mit Brille oder Kontaktlinsen nicht mehr als 5 % von dem sieht, was ein Mensch mit normaler Sehkraft erkennt. Ein Mensch ist blind, wenn er auf dem besser sehenden Auge selbst mit Brille oder Kontaktlinsen nicht mehr als 2 % von dem sieht, was ein Mensch mit normaler Sehkraft erkennt. In Deutschland sind ca. 0,2% der Bewohner blind und 1,3% sehbehindert. Tendenz steigend, vor allem aufgrund der gestiegenen Lebenserwartung. Für das alltägliche Leben gibt es viele verschiedene Hilfsmittel, wie sprechende Uhren, Diktiergeräte, Mikrowellengeräte mit Sprachausgabe bis hin zu sprechenden Messbechern, Waagen und Fieberthermometer.

Enormer Zeitaufwand

Für meinen Selbstversuch hatte ich mir vorgenommen, meinen Alltag so gut es geht ohne Hilfe zu meistern. Besondere Aktionen oder gar Ausflüge hatte ich mir erst gar nicht auf die Fahnen geschrieben. Die alltäglichen Aufgaben und Abläufe dürften schon Herausfoderung genug sein.

Mit dieser Einschätzung lag ich letztendlich richtig, bei so ziemlich allem anderen verschätzte ich mich jedoch. Den Zeitaufwand für Zähneputzen, anziehen, frühstücken schätzte ich völlig falsch ein.

Abstände in der Wohnung einzuschätzen, gelang mir zwar einigermaßen, nicht die Orientierung zu verlieren und die Terrassen- mit der Wohnzimmertür zu verwechseln, war dahingegen schon deutlich schwieriger. Meine Wohnung halbwegs auf Vordermann zu bringen, kostete mich viele Nerven, ein paar blaue Flecken und vor allem wieder enorm viel Zeit.

Bereits am Vormittag spielte ich mehrmals mit dem Gedanken, den Selbstversuch abzubrechen.

Erlebnisraum Dark Diner

Schließlich beschloss ich, mich auch einmal außerhalb meiner eigenen vier Wände zu bewegen. Ein kurzer Spaziergang auf bekannten Wegen sollte machbar sein. Zu meiner eigenen Sicherheit und der aller anderen holte ich mir dazu eine Begleitung an die Seite. Kleine Treppenabsätze, ansteigende und abfallende Straßen halfen mir immer wieder bei der Orientierung, am schwierigsten fiel mir jedoch einmal mehr Entfernungen und Zeitaufwand einzuschätzen. Im gefühlten Schneckentempo krochen wir die Straße entlang, bei der Hälfte der Wegstrecke wähnte ich mich bereits am Ziel.

Zum Essen entschied ich ein Dark Dinner auszuprobieren. Diese Dinner sind mittlerweile in vielen Restaurants ein echtes Event, für das die Gäste viel Geld ausgeben. Auch Blinden- und Sehbehindertenverbände werben damit. Die Gäste sollen beim Dark Diner Grenzen überschreiten, Geschmacks- und Geruchssinn werden herausgefordert, neue Verhaltensmuster entdeckt. Auch hoffen die Verbände, durch das Dinner im Dunkeln das Bewusstsein für Anliegen blinder und sehbehinderter Menschen zu schärfen.

Christina Sack im Selbstversuch Sehbehindert
Volle Konzentration aufs Essen. Das Kuchenstück auf die Gabel gespiest zu bekommen, ist keine zu unterschätzende Herausforderung.

Ich entschied mich für die light-Variante und ließ mich zu Hause bekochen. Die versprochenen neuen Erfahrungen und besonderen Eindrücke nehme jedoch auch ich mit. Im Vergleich zum Frühstück stellt ein richtiges Dinner im Dunkeln noch einmal eine ganz neue Herausforderung dar.
Nicht genau zu wissen, was man gerade ist und sich völlig auf Geschmack- und Riechsinn zu verlassen, ist auf jeden Fall eine neue und lohenswerte Erfahrung. Ganz zu schweigen von der motorischen Herausforderung im Dunkeln Messer und Gabel richtig zu handhaben

Kommunikation auf anderer Ebene

Gegen frühen Nachmittag erklärte ich meinen Selbstversuch für beendet. Ich fühlte mich ausgepowert, körperlich und vor allem mental. Das ständige Konzentrieren und Fokussieren forderte seinen Tribut.

Hatte ich bei meinem Selbstversuch noch damit gerechnet mich hilfs- und orientierungslos zu fühlen, war ich vor allem vom Thema Kommunikation beeindruckt. Seinem Gegenüber beim Sprechen nicht in die Augen schauen zu können, sich auf dessen Stimme und Betonung verlassen zu müssen, war für mich die interessanteste Erfahrung. Eigentlich kennt man das ja schon vom Telefonieren, sich über mehrere Stunden hinweg auf Körpersprache, Mimik und Gestik zu verlassen, hat jedoch eine ganz andere Qualität.

Christina Sack im Selbstversuch Sehbehindert
Spazieren gehen einmal anders: Entfernungen und Zeitabstände einzuschätzen, ist kein leichtes Unterfangen.

Mein Fazit: Meine „Stunden im Dunkeln“ waren eine interessante Erfahrung und haben meine Sensibilität für das Thema noch verstärkt. Erlebnisräume wie ein Dark Dinner oder eine Führung durch lichtlose Räume einmal selbst mitzumachen, kann ich deshalb nur jedem empfehlen. Die Lebenswirklichkeit eines blinden bzw. sehbehinderten Menschen wirklich nachvollziehen zu können, steht jedoch auf einem anderem Stern und ist per einfachem Selbstversuch nicht möglich.