Mit Brustpanzer und Minicomputer gegen wackelige Grabsteine

Lauda-Königshofen. Die Stadt Lauda-Königshofen überlässt nichts dem Zufall und hat für die Sicherheit auf den Friedhöfen den Experten Klaus Stolzenberger engagiert. Sein Beruf: Profi-Grabsteinprüfer. Ausgestattet mit Brustpanzer und Minicomputer, war der Würzburger vergangene Woche auf allen 14 Friedhöfen im Stadtgebiet unterwegs. Wir haben ihm auf dem Laudaer Bergfriedhof über die Schulter geblickt und wollten wissen: Was wird denn da genau überprüft?

Mehr als 2000 Gräber auf dem Prüfstand
Die Meldung sorgte Ende des letzten Jahres bundesweit für Schlagzeilen: „Steinmetz von Grabstein erschlagen“. Der Fall ereignete sich am Zweiten Weihnachtsfeiertag im Berchtesgadener Land und legte eine oft unterschätzte Unfallgefahr offen. Um die Risiken durch das Umkippen lockerer Grabsteine zu vermeiden, setzt die Stadt Lauda-Königshofen schon seit mehreren Jahren auf sogenannte Grabstandfestigkeitsprüfungen. Durchgeführt werden sie vom Sachverständigen Klaus Stolzenberger. Durchaus eindrucksvoll sieht das Spezialmessgerät aus, mit dem der Experte nach einem festen Schema alle Grabmale gewissenhaft auf ihren Halt testet. In aller Frühe hat sein Arbeitstag begonnen, denn das Arbeitspensum ist straff. „Innerhalb von drei Tagen stehen mehr als 2000 Gräber auf dem Prüfstand. Da muss ich schon bei Sonnenaufgang loslegen, um alle Friedhöfe nacheinander abzufahren.“ Da sich für den Nachmittag Regenwetter angekündigt hat, ist Klaus Stolzenberger unter Zeitdruck. „Die Sensoren des Messgeräts sind sehr empfindlich. Deshalb muss ich bei Regen meine Arbeit pausieren“, erzählt der Standsicherheitsprüfer.
Den Steinmetzen aus der Region bescheinigt der Sachverständige insgesamt eine gute Arbeit. Zum Zeitpunkt des Gesprächs habe es erst eine Beanstandung gegeben. Klaus Stolzenberger zeigt auf den entsprechenden Grabstein und demonstriert mit einem einzigen Finger, wie leicht dieser ins Kippen geraten kann. Siehe da: Zwischen Sockel und Grabmal fehlt die nötige Verbindung. Dadurch ist das Grabmal akut umsturzgefährdet. „Der Gesetzgeber formuliert es so: Es ist Gefahr im Verzug. Deshalb muss sofort gehandelt werden. Eine Notsicherung schafft hier vorübergehend Abhilfe – nicht dass noch ein Kind am Stein rüttelt und dieser umkippt“, verrät Klaus Stolzenberger, der schon seit fast 20 Jahren ein gefragter Spezialist für Sicherheit auf Friedhöfen ist – darunter auch in Lauda-Königshofen. Sein Arbeitsplatz erstreckt sich über ganz Deutschland. Nicht selten führt die Reise auch nach Köln oder Hamburg. Weit mehr als 40.000 Grabmale kontrolliert der gebürtige Taubertäler jedes Jahr.

Messungen werden exakt protokolliert
Die Standfestigkeitsprüfung entspricht dabei den gesetzlich vorgeschriebenen Vor gaben. Diese besagen, dass ein Grabstein eine Belastung von 500 Newton aufeiner Höhe von 1,20 Meter aushalten muss. Dieser Messwert entspricht in etwa dem Druck, dem ein Grabstein ausgesetzt ist, wenn man sich mit der Hand daran abstützt.
Ein konkretes Beispiel aus dem Alltag: Fällt eine Person bei der Grabpflege versehentlich nach hinten und stützt sich am Stein ab, darf dieser nicht umfallen und möglicherweise ein Kind erschlagen. Bis zu 1,2 Tonnen kann ein Grabstein wiegen – ein Gewicht, das buchstäblich im Falle eines Falles eine enorme Unfallgefahr für Leib und Leben darstellt. Vielerorts in Deutschland würden die Gräber zwar noch immer nach der Rüttelmethode kontrolliert, beispielsweise durch Mitarbeiter des Bauhofs, aber rechtssicher sei ausschließlich das Verfahren mit speziellen Messgeräten, erzählt der Experte über seine Branche. Dies sei auch der Ausschlag gewesen, weshalb die Stadt Lauda-Königshofen einen erfahrenen Tester beauftragt hätte.

Der Minicomputer erfasst alles

Insbesondere Schnee und Tau setzen einem Stein regelmäßig zu. Kommt es wie in diesem Jahr zu spätem Frost, dringt Feuchtigkeit durch den Tau besonders leicht in die Fugen ein. Das Grab kann dann von innen heraus aufbrechen, berichtet der Sachverständige. Auf dem Display seines Minicomputers, den Klaus Stolzenberger an einem Schultergurt stets bei sich trägt, werden alle notwendigen Daten erfasst. Dazu gehören die Grabnummer, der Name des zuletzt Bestatteten, das Datum samt sekundengenauer Uhrzeit sowie das Messergebnis. Ergibt die Prüfung ein zufriedenstellendes Ergebnis, fährt der gelernte Steinmetz mit dem nächsten Grab fort.
Gerät ein Grabmal ins Kippen, bricht Klaus Stolzenberger die Prozedur sofort ab und markiert den Stein mit einem Hinweis. Auf gelbem Hintergrund steht dann gut sichtbar zu lesen: „Unfallgefahr! Grabstein lose! Bitte umgehend fachmännisch befestigen lassen.“ Die Stadt Lauda-Königshofen wendet sich dann schriftlich an die Betroffenen und gewährt eine bestimmte Frist, um die Standfestigkeit wieder herstellen zu lassen. Dazu wird ein Nachweis gefordert, der in der Regel direkt vom Steinmetz kommt. „Umgelegt wird ein wackeliger Grabstein von mir nicht – das wäre pietätlos. Mit einem Spanngurt und einem Pflock sorge ich aber vorübergehend für einen stabilen Halt“, erzählt der Prüfer. „Die Stadt tut gut daran, regelmäßige Standfestigkeitsprüfungen
durchzuführen“, sagt Klaus Stolzenberger abschließend.  stv

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